Die Frau mit dem Wolfsriemen

Da war einmal eine alte Frau in Hüsby bei Schleswig, die war sehr geizig und gab den Dienstboten schlecht zu essen. Daher wunderten sich diese, daß sie alle Sonntage frisches Fleisch auf den Tisch kriegten, weil auch niemals etwas gekauft wurde. Da versteckte sich einmal ein Dienstjunge auf dem Heuboden, als die andern alle in die Kirche gegangen waren, und
da sah er, wie die Frau einen Wolfsriemen hervorlangte und umlegte. Da wurde sie ein Wolf und lief aufs Feld und kam bald mit einem Schaf zurück. Wenn sie so leicht zu Fleisch kommt, dachte der Junge, kann sie es uns auch wohl reichlicher gehen. Als daher die Frau das Fleisch in den Topf steckte und dabei nach ihrer Gewohnheit seufzte: "Ach, du leeve Gott, weer ik bi di!" da stellte sich der Junge, als wäre er der Herrgott, und antwortete:

"Nu un in Ewigkeit kümmst du nich to mi!"
"Warüm denn nich, du leeve Gott?"
"Du giffst din Volk nich nog in'n Pott."
"Ei, so will ik betern mi."
"Ja, gewiß, dat rad ik di!"

Und die Frau steckte von nun an ein viel größeres Stück in den Topf. Der Junge konnte aber nicht schweigen und verriet die Sache im Dorf. Als die Frau daher an einem Sonntagmorgen wieder ein Schaf holte, lauerten ihr die Leute auf. Aber keine Kugel schadete ihr, bis man zuletzt eine Flinte mit Erbsilber lud. Seit der Zeit hatte die Frau ihr leben lang eine offene
Wunde, die kein Doktor heilen konnte.

 

aus:

Norddeutsche Sagen

Diederichs Verlag 1977

Ausgabe für Schleswig-Holstein, Friesland und die Hansestädte

ISBN: 3-424-005-65-7