Weitere Verwandlungen

 

Das Ob und Wie der Tierverwandlung war besonders im späten Mittelalter Gegenstand von lebhaften Diskussionen. Alle Gelehrten gingen davon aus, daß eine vollständige Verwandlung in ein Tier, die auch die Seele umfaßt, nicht stattfinden kann. Nur der Körper kann verwandelt werden. Zu unterscheiden sind substantielle und bloß eingebildete, scheinbare Verwandlungen. Jean Bodin, der Verfasser einer »Hexendämonomanie«,  gehörte  zu  den  wenigen Autoren, die eine substantielle Verwandlung annahmen. Er berief sich auf Thomas von Aquin, der allen guten und bösen Engeln ihrer natürlichen Fähigkeit nach auch das Vermögen zuspricht, den menschlichen Körper umzugestalten. Ihre Ansicht, daß die Seele in verwandelten Körpern unverändert fortbesteht, sahen die Gelehrten in den Geschichten von den mulieres stabulariae bestätigt, die den Wanderern giftigen Käse überreichten, wodurch diese in Esel oder andere lasten - schleppende Tiere verwandelt wurden. (in den »Metamorphosen« des Apuleius wird der Erzähler Lucius von Räubern in einen dienstbaren Esel verwandelt. Rosen, die er schließlich mit Hilfe der Göttin Isis bekommt, dienen hier als Mittel der Rückverwandlung. In Cypern entdeckte man, einer dortigen Sage zufolge, in einer Kirche einen Esel, der die Knie beugte, bei dem es sich in Wirklichkeit uni einen von einer Zauberin verwandelten Engländer handelte. Eine andere Sage berichtet von einem Schauspieler, den zwei Hexen auf dem Weg nach Rom in einen Esel verwandelt hatten und der besonders attraktive Kunststücke aufführte, bis er einmal zufällig ins Wasser sprang und dadurch wieder Mensch wurde.

Wahrscheinlicher war aber für die mittelalterlichen Autoren die lediglich scheinbare Verwandlung, für die sie den Teufel verantwortlich machten. Auch sie kann für andere Menschen sichtbar sein: der Teufel täuscht sie nämlich, indem er sie in einem Lykanthropen einen Wolf sehen läßt, obwohl dieser seine Menschengestalt gar nicht aufgegeben hat; oder der Teufel wirft einem Menschen ein Wolfsfell über beziehungsweise umhüllt ihn mit einer Wolfsgestalt aus verdichteter Luft; oder der Teufel schläfert jemanden ein und vollbringt unterdessen in Wolfsgestalt die Taten, die der Schlafende nur träumt.

Aus den Geständnissen angeklagter »Werwölfe« geht hervor, daß sie Narkotika und Salben benutzt haben, was offensichtlich die Vorstellung von der Umwandlung in ein Tier begünstigt. Jean de Nynauld führt Fälle an, wo ein Mensch nach einem Trank eine Gans zu sein glaubt und mit dem Schnabel auf dem Fußboden umherhackt, ein anderer sich für einen Fisch hält und in der Luft Schwimmbewegungen macht. »Es schließt sich hier die Ansicht an, die sich in der Therapie des Mittelalters als die Lehre von den Signaturen geltend machte, daß, wenn man die Teile eines Tieres in einer bestimmten Mischung gäbe, der Wahn entstehe, in dieses Tier verwandelt zu sein, Träumereien, welche durch die Experimente mit Transfusionen sich wissenschaftlich zu begründen versuchten« (Rudolf Leubuscher).

Die in Prozessen angeklagten Lykanthropen waren aber nicht nur vom Teufel Besessene, die sich einbildeten, ein Werwolf zu sein, es waren in mehreren Fällen Menschen, die sich bewußt Wolfsfelle überhängten und mit Hilfe von magischen und narkotischen Mitteln die Rolle des reißenden Wolfs tatsächlich erfüllten. Andere wieder nutzten lediglich die Angst der Menschen vor Werwölfen aus und nahmen die Wolfsgestalt in rein betrügerischer Absicht an. So handelt ein äsopischer Schwank von einem Dieb, der in einem Gasthaus absteigt und nach einigen Tagen gegenüber dem Wirt vorgibt, ein Werwolf zu sein: »Nachdem er so längere Zeit geredet, gähnte er laut und fing dabei zu heulen an wie ein Wolf. >Was soll das heißen?< fragte der Wirt. >Nun, ich will dir's sagen<, antwortete der Dieb, >aber bitte, hebe meine Kleider auf, denn die werde ich hier lassen. Denn, mein Herr, ich weiß nicht, woher das kommt. Wohl wegen meiner vielen Sünden. Wenn ich so dreimal gegähnt und geheult habe, werde ich zum Wolf und fresse Menschen.< Und mit diesen Worten riß er wiederum den Mund weit auf und heulte zum zweitenmal. Als der Wirt das hörte, glaubte er ihm und bekam Angst. Und er stand auf und wollte fliehen. Aber der Dieb hielt ihn am Rock fest und redete ihm zu: >Warte doch, o Gebieter, und nimm meine Kleider an dich, damit ich sie nicht verliere.< Und indem er so sprach, sperrte er wieder den Mund weit auf und begann zum drittenmal zu gähnen. Der Wirt aber befürchtete, er möchte ihn fressen, ließ den Rock in seiner Hand und flüchtete eilig ins Haus, dessen Tür er von innen verriegelte. Der Dieb aber nahm seinen Rock und machte sich davon.«

Am perfektesten verfügte Proteus, der weise Meergreis und Hüter der Seehunde Poseidons, über die Gabe, sich in alle denkbaren Gestalten und Formen zu verwandeln. Deshalb ist er auch später zum Symbol des Urstoffs geworden. Nur gegen Menelaos, der ihn mit Gewalt zum Weissagen zwingen wollte, halfen ihm seine Verwandlungen nicht, da man ihn dabei ständig mit festem Griff umschlossen hielt. Ähnlich den Fluchtversuchen durch Verwandlung von Proteus (oder Thetis, die sich Peleus nicht hingeben wollte) verläuft, wie Elias Canetti in »Masse und Macht« näher erläutert, die Hysterie. Der Reichtum der Verwandlungen, die bei dieser Krankheit versucht werden, ist erstaunlich.