Die Verwandlung in einen Wolf

Werwolf
(ältere Schreibweisen auch Wehrwolf und Wärwolf) heißt Mann - Wolf, ein Wolf,
der eigentlich ein Mann ist. Die Verwandlung ermöglicht ein Ring aus
Menschenhaut (vorzugsweise die Haut eines Selbstmörders oder Ermordeten), durch
den man dreimal kriechen muß, meistens jedoch ein Gürtel, den man anlegen oder
ein Tierfell, das man sich überwerfen muß. Bei der Rückverwandlung muß man
wiederum dreimal durch den Ring kriechen beziehungsweise den Gürtel oder das
Tierfell ablegen. Der Werwolf wird durch Verwundung entweder sofort zur Rückverwandlung
gezwungen oder doch später dadurch erkannt. Durch den Tod wird der Zauber unter
allen Umständen gebrochen. Der Verwandelte kann auch vorzeitig aus seinem
tierischen Zustand erlöst werden, wenn man seinen Namen nennt oder ihm aus
Mitleid einen Bissen Essen schenkt. Besonders in den skandinavischen Ländern
glaubt man an eine Verwandlung durch bestimmte Umstände bei der Geburt: wenn
eine schwangere Frau etwa durch eine Fohleneihülle kriecht, wird sie zwar ohne
Schmerzen gebären, aber das Kind wird, wenn es erwachsen ist, fast jede Nacht
zum Werwolf werden und schwangere Frauen überfallen.
Im
Mittelalter erzählte man sich die merkwürdigsten Geschichten von Werwölfen,
wobei die Bezeichnung Werwolf auf jeden in Tiergestalt sich hüllenden Menschen
angewandt worden zu sein scheint. Die Sagen entstanden und verbreiteten sich
rasch in einem von den weltlichen und kirchlichen Instanzen geschürten Klima
des Hexenwahns und der Teufeisbündelei. Mord und Raub wurden vorzugsweise Werwölfen
angelastet, und die unerwartet grausamen sowie vielfach sexuellen Details der
Geständnisse von angeklagten Mördern führten zu einer unwahrscheinlichen
Aufwertung der schon kursierenden Sagen und Legenden.
In dem Eifeldorf Dahlem, berichtet eine Chronik, legte sich ein
Hochzeitsgast einen Gürtel um, den er im Haus des Bräutigams zufällig fand
und von dessen Zauberkraft er nichts ahnte. Sofort wurde er zum Wolf und sprang
aus dem Fenster. Im Wald fiel er einen Holzfäller an, und dieser versetzte ihm
einen Hieb mit der Axt, der den Gürtel traf und den Zauber löste. Der Mann erzählte
nachher, er habe durch den Gürtel einen solchen Heißhunger bekommen, daß er
alles hätte zerreißen mögen.
Ein
Edelmann, heißt es an anderer Stelle, reiste mit seinem Gefolge, zu dem
zauberkundige Bauern gehörten, durch einen großen Wald. Einer der Bauern erbot
sich, für die hungrige Gesellschaft ein Lamm herbeizuschaffen. Er zog sich in
ein Dickicht zurück, verwandelte sich in einen Wolf, stürzte sich auf eine
Herde und biß ein Lamm tot, das er zu seinen Gefährten schleppte. Dann
verschwand der Wolf, und der Bauer kehrte wieder aus dem Dickicht als Mensch zurück.
In
einer Dissertation aus dem Jahr 1673 über die Verwandlung
von Menschen in Wölfe findet sich die Mitteilung von einem gewissen
Albertus Pericoscius, der seine Untertanen grausam quälte und ihnen ihr Vieh
raubte. In einer Nacht, in der er unterwegs war, ging die ganze, auf unrecht mäßige
Art erworbene Herde plötzlich zugrunde. Als er bei seiner Rückkehr von dem
Unglück hörte, verwünschte er Gott: »Wer es getötet hat mag es auch
fressen, wenn Du willst, magst Du auch mich verzehren.« Als er diese Worte
sprach, fielen Blutstropfen auf die Erde, und in einen abscheulichen Hund
verwandelt, stürzte sich der Mann auf das tote Vieh und fing an zu fressen.
Auf
Usedom erzählte man sich die Geschichte von Bauersleuten, die auf einer Wiese
Heu ernteten. Die Frau sagte zu ihrem Mann nach einiger Zeit, sie habe gar keine
Ruhe mehr, sie könne nicht mehr bleiben und ging fort. Ihren Mann forderte sie
zuvor auf, falls etwa inzwischen ein wildes Tier käme, diesem seinen Hut
hinzuwerfen und schnell zu entfliehen. Nach einer Weile kam ein Wolf, der Bauer
warf ihm seinen Hut hin, den das Tier zerfetzte. Unterdessen kam ein Knecht
hinzu, der sich von hinten an den Wolf heranschlich und ihn mit der Heugabel
erschlug. Im selben Augenblick verwandelte sich der Wolf, und man war nicht
wenig entsetzt, als sie sahen, daß es des Bauern Frau war, die der Knecht getötet
hatte.
1589
gestand Peter Stump aus Bedburg bei Köln vor Gericht, zwanzig Jahre lang eine
teuflische Succube als Beischläferin gehabt zu haben; diese habe ihm einen Gürtel
geschenkt, mit dem er sich, sobald er ihn anlegte, in einen Werwolf verwandeln
konnte. In dieser Gestalt habe er fünfzehn Knaben, zwei Weiber und einen Mann
erwürgt, jedoch jeweils nur das Gehirn von ihnen gegessen. Stump wurde gerädert,
fürchterlich gefoltert und schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Ein
weiterer Werwolf, der über dreißig Menschen umgebracht hat, soll 1590
ebenfalls in Köln hingerichtet worden sein. Wie das Ausgraben unverwester
Leichen den uralten Glauben an wiederkehrende Tote neu belebte, so bedeuteten
die bei mittelalterlichen Hexenprozessen behandelten Fälle von Lykanthropie
eine Bekräftigung des seit der Antike bekannten Werwolfglaubens.
Auch
in der Literatur wurde die Werwolfsage episodisch verwertet, je nach Bedarf
abgewandelt und eingehend kommentiert. Eine Werwolfgeschichte, die an Phantastik
und blutigem Beigeschmack den mittelalterlichen Sagen nicht nachsteht, läßt
bereits Petronius den Niceros beim Gastmahl des Trimalchio im »Satiricon« erzählen.
Nach
einer bretonischen Sage dichtete Mane de France ihr »Lai du Bisclaveret«: In
dem Gedicht heiratet ein allseits geschätzter Ritter eine schöne Frau. Die glückliche
Ehe wird nur getrübt durch die Angewohnheit des Ritters, drei Tage wöchentlich
außer Haus zu verbringen. Eines Tages läßt er sich sein Geheimnis entlocken
und erzählt, daß er regelmäßig in den Wald geht, sich dort auszieht, seine
Kleider unter einem Stein versteckt und sich in einen Wolf verwandelt.
Erschrocken durch dieses ungewöhnliche Geständnis, beauftragt die Frau einen
benachbarten Ritter, der sie seit langem begehrt, ihres Gatten Kleider, während
er als Wolf umherstreift, zu entwenden, damit er sich nicht mehr zurückverwandeln
kann und seine Wolfshaut behalten muß. Die treulose Frau vermählt sich mit
ihrem Liebhaber. Nach einem Jahr reitet der König in den Wald zur Jagd, und
seine Hunde stellen einen Werwolf, der sich hilfesuchend zum König flüchtet.
Irritiert durch dieses merkwürdige Verhalten, schenkt der König dem Wolf das
Leben, der sich als völlig zahm erweist und ein treuer Hausgenosse wird. Den
Ritter allerdings, der seine Kleider geraubt hat, fällt er an, als er eines
Tages zu einem Hoffest erscheint, und einige Zeit darauf, als die Frau des
Werwolfs sich huldigend dem in der Nähe ihres Schlosses jagenden König nähert,
gerät das Tier in fürchterliche Wut, springt der Frau ins Gesicht und beißt
ihr die Nase ab. Schon will der König den Wolf töten lassen, als ein alter
Mann aus dem Gefolge hervortritt und meint, hier läge ein Verbrechen vor. Der König
verhört die Frau und erfährt das Geheimnis des sonderbaren Tiers. Sofort
werden die Kleider des Ritters geholt, und da er sich nicht vor aller Augen
seiner Haut entledigen will, führt ihn der König in sein eigenes Schlafgemach
und schließt ihn hier mit den Kleidern ein. Nach einer Stunde findet er den
Ritter schlafend in Menschengestalt auf dem Bett. Der Wiedergefundene wird mit
Ehren überhäuft, während die treulose Frau mit ihrem Buhlen des Landes
verwiesen wird. Das Gedicht der Mane de France fällt vor allen Dingen durch die
entschiedene Parteinahme für den Werwolf auf, dessen Verwandlung als
unverschuldetes Unglück betrachtet wird, das allgemein Mitleid erregt. Der
Verrat der Frau wäre in den Augen der Dichterin nur entschuldbar, wenn der
Ritter sich aus freiem Willen zur Verwandlung in einen mordenden Wolf
entschlossen hätte.
In
dem Roman »Die Mühen und Leiden des Persiles und der Sigismunda« von
Cervantes erzählt Rutilio im 8. Kapitel, wie er von einer Zauberin aus dem Gefängnis
in Rom befreit und auf einem Zaubermantel nach Norwegen entführt wurde. Als er
sich dort gegen die Uniarmungen des Weibs zur Wehr setzte, verwandelte sie sich
in einen Wolf, um ihn zu fressen. In der Not griff er zu seinem Messer und stieß
es ihr in die Brust. Im Falle nahm die Zauberin wieder Menschengestalt an und
verblutete. Cervantes stellt fest, daß der katholische Glaube die Möglichkeit
eines unerhörten Wunders wie die Verwandlung von Menschen in Wölfe ausschließt,
doch er weist auch auf die Umstände hin, die das Phänomen zu bestätigen
scheinen.
Beliebt
war das Werwolfmotiv wieder im 19. Jahrhundert: Zu den verschiedenen Abenteuern
Ulenspiegels in Charles de Costers gleichnamigem Roman gehört ein Kampf mit dem
Werwolf, in dem sich ein mordender Fischhändler verbirgt.
Karl
Gutzkow veröffentlichte 1871 eine historische Erzählung »Der Wärwolf«, in
der das Werwolfmotiv ständig gegenwärtig ist, aber nur im übertragenen Sinn
benutzt wird. Völlig zu Unrecht, wie sich am Ende herausstellt, ist der brave
Hartschier Sigmund von Landeck als Werwolf, als ein der Völlerei und der Unmäßigkeit
verfallener Mann verdächtigt worden.
Rudyard
Kipling zeigt in »Das Stigma des Tieres« den Fall eines am Werwolfswahn
erkrankten englischen Siedlers in Indien, die Geschichte einer »infantilen
Neurose« im Sinne Freuds, allerdings vermischt mit dunkler indischer Magie und
Mystik.
Während
Saki in seiner kleinen Erzählung »Gabriel - Ernest« noch einmal mit aller
Akribie die Wahrscheinlichkeit des Werwolfglaubens in Szene setzt, dient er
Boris Vian in der 1947 geschriebenen Erzählung »Le Loup-garou« nur noch als
Ausgangspunkt kunstvoll überspitzter Satire und als Symbol einer verrückten
Welt. Die Geschichte handelt von einem Wolf, der friedlich seiner Wege geht und
lediglich die Angewohnheit hat, Liebespaare im Wald zu beobachten. Eines Tages
wird das Tier von einem Lykanthropen gebissen und dadurch zum Menschen
verwandelt. Mit dem Rad fährt der Verwandelte nach Paris, hat hier einigen Spaß,
wird dann aber, als er eine Dirne vollkommen enttäuscht, von deren Zuhältern
zusammengeschlagen. Am Ende gelingt es ihm, der Polizei gerade noch rechtzeitig
zu entkommen, indem er wieder zum Wolf wird.