Tierische Vermummungen

 

Es haben die alten auch gar vil seitzamer monstra erdichtet, die in dissem land solten erfunden werden.  Besunder  schreiben darvon Megasthenes und Solinus, daz in Indianischen bergen menschen  seind die haben hunds köpff und mäuler wie die hund und darumb sie nit reden sunder heulen und bellen wie die hund...

Sebastian Münster, Cosmographia

 

Von den Neurern, die nach Herodot das Gebiet nördlich von den Skythen bewohnten, heißt es, sie würden alle Jahre einmal auf ein paar Tage zum Wolf und nähmen dann wieder ihre alte Gestalt an. Wahrscheinlich gehörten auch die Neurer zu jenen Völkern, die eine kultische Tierverwandlung praktizierten. Priester oder Stammesfürsten verwandelten sich in die Tiere, von denen sie Unheil und Schaden erwarteten, um sie zu schrecken und zu bannen. Zugleich glaubten sich die Verwandelten im Besitz der Eigenschaften und Kräfte von den Tieren, die sie verkörperten. Sie hatten die Überzeugung, daß man sich mit der Haut und der Maske des Tieres auch sein Wesen aneignet. Es blieb nicht bei kultischen Umzügen. Die ekstatischen Verwandlungen nahmen vielfach den Charakter kriegerischer Vermummungen an. Die Vorfahren der Rumänen zum Beispiel, die Daker, das heißt die ..Wolf-Gleichen«, erhielten ihren Namen von einem kleinen militärisch organisierten Wandervolk, das nach Art von Wölfen und Heiducken plündernd umherzog. Vorzugsweise flüchtige, ausgestoßene, als » fried los « erklärte indoeuropäische Völker wurden meistens als »Wölfe« bezeichnet. In diesen Zusammenhang gehören auch die germanischen Maskenkriegerbünde, die sich entweder Hunde oder Werwölfe nannten. Paulus Diaconus, ein Historiker aus dem Umkreis der gelehrten Freunde Karls des Großen, berichtet in seiner »Geschichte der Langobarden«, wie die Langobarden mit Hilfe einer Kriegslist ihren Marsch durch das Gebiet der Assipiter erzwungen haben: Sie drohten mit ihren Kynokephalen, die, so ließen sie bei ihren Feinden durchblicken, wild zu kämpfen pflegten und ungeheuer blutgierig wären. Die Hundsköpfe der Germanen, die Hundingas, waren fürchterlich vermummte und wild bellende Krieger, die entweder als bloßes Schreckmittel eingesetzt wurden oder ausgesprochene Schlägertrupps waren. Ein anderer, älterer Name der Langobarden war Vinnih und bedeutete »Hunde«. Berüchtigt waren auch die nordischen Berserker, über deren Anfälle von rasender Kampfeswut es viele Berichte gibt. Sie haben wahrscheinlich eine dämonologische Herkunft.  In  den Märchen  der Brüder Grimm lebt diese speziell germanische Art des Bärmenschen in der Gestalt des Bärenhäuters fort. Der Bärenhäuter, der sich nicht kämmen und seinen Bart nicht pflegen und beschneiden darf, ist ein durch und durch Verwilderter, der sowohl als Krieger als auch als Teufelsbündner gilt.

Der heilige Christopherus wird auf Ikonen und Fresken südosteuropäischer Länder häufig als Kynokephaler dargestellt. In einem der Athosklöster in Griechenland, wo man unter anderen Reliquienschätzen auch einen angeblich vom heiligen Christophertis stammenden Hundezahn aufbewahrt, erzählte man folgende Legende: »Christopherus war ein bildschöner Mann in Alexandrien, der von allen Mädchen umschwärmt wurde. Aber seine Seele war der Gewinnung der ewigen Seligkeit zugewandt. Uni nicht länger Anfechtungen ausgesetzt zu sein, flehte er zu Gott um ein häßliches Aussehen, das den Frauen Abscheu einflößen sollte. Sein Gebet wurde erhört, und er erwachte eines Tages mit einem Hundekopf.« In anderen Legenden ist lediglich davon die Rede, daß Christopherus aus einem fernen Lande gekommen sei, aus Asien gar, »dort wo die Hundsköpfe wohnen«. Der Totemismus rückt den Menschen und das Tier aneinander. So werden Tiernamen zu Sippennamen. Die Rolle, die in den europäischen Ländern der Wolf, der Hund und der Bär spielen, hat in China der Fuchs, in Indien der Tiger, in afrikanischen Ländern der Löwe. Die besondere Beziehung zwischen einem Mensch und seinem Totem ist wechselseitig; indem der Mensch den Totem respektiert ihn weder jagt noch tötet und ihm Opfer darbringt, erwartet er von ihm als Gegenleistung Schutz und Schonung. Besonders die als gefährlich geltenden Tiere werden deshalb von den Menschen zu ihren Totems ausgewählt, sie nennen sich nach ihnen und glauben, daß sie von ihnen abstammen. Der Totem ist kein Einzelding, sondern stellt immer eine Gattung dar, nach Freud »in der Regel eine Tier- oder Pflanzenart«, und er ist jeweils Gegenstand der Verehrung einer Gruppe von Männern und Frauen, »die sich nach dem Totem nennen, sich für blutsverwandte Abkömmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten und durch gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem miteinander fest verbunden sind«. Bei verschiedensten Gelegenheiten wird die Identifizierung mit dem Totem in Taten und Worten durchgeführt. Wenn sich die Genossen eines Stammes in ihren Totem verkleiden und so wie er gebärden, verfolgen sie damit zunächst magische und religiöse Absichten, die aber dann sehr bald in ganz materielle, zumeist kriegerische Ziele umgewandelt werden.

Um die Tradition der germanischen Kriegervölker fortzusetzen, hat man später Männer- und Burschenbünde sowie Wehrverbände gebildet, die ihr wildes Treiben als etwas im Sinne des Vaterlandes Gutes umdeuteten. Hermann Löns schildert in seiner 1910 veröffentlichten Romanchronik »Der Wehrwolf« die Unternehmungen eines bäuerlichen Selbsthilfebundes gegen die gewalttätigen Mächte im Dreißigjährigen Krieg. Mögen die nationalen Ziele vieler dieser Verbände berechtigt und gerecht gewesen sein, ihre literarische Verklärung jedenfalls und die nach solchen Mustern institutionalisierte Aktivität von wehrhaften Männern zeugt von romantischem Chauvinismus.

Die letzten deutschen Werwölfe waren Spezialverbände der SS.