Die Hunde des Mondes: Werwölfe

Die
Weltschau der Griechen kannte schon sehr gut die Menschen, »die sich in Wölfe
verwandeln«. Als ihre eigentliche Heimat galt der hohe Norden Herodot erzählt
vom Volk der Neuroi, das in den Ländern jenseits des Schwarzen Meers und in den
Ländern der skythischen Nomaden haust: Einige Tage im Jahr würden sie zu
wilden Wölfen. Über die »Hellenen die in Sykthnien wohnen«, wurden solche Bräuche
auch in Griechenland besser bekannt. Wie die slawischen Mythologen des 19.
Jahrhunderts, etwa J.J. Hanush oder Konrad Schwenck, zeigten, durchdrang dieser
Wolfsglaube gewisse nordslawische Völker.
Noch
in der Renaissance galt das Treiben der Wolfsleute als eine mehr oder weniger
wohlbezeugte naturwissenschaftliche Tatsache. Sie sollten vor allem in den
Gebieten mächtig sein, in denen um die Weihnachtszeit und Neujahr die Sonne gar
nicht aufgeht. Die lange Nacht galt als ihr jährlicher Festtag. Hanush bezeugt
uns noch 1859: »In der russischen und rusinischen Weihnachtsfeier spielen
Vermummungen in Wölfe durch umgehängte Wolfspelze und ein Herumrennen in
denselben in den Gassen eine Hauptrolle ... «
Besonders
wichtig bleibt vor allem der Bericht des hochgebildeten Schweden Olaus Magnus,
der 1555 seine berühmte Historia de gentibus septentrionalibus herausgab: Auch
er vergleicht die Zeugnisse seiner Zeit mit denen der Antike, von Euanthes,
Agriopas und des sehr kritischen Plinius. Noch heute, versicherte er uns im 16.
Jahrhundert, kommen die Werwölfe in großer Zahl vor, » zumal in den nach
Norden zu liegenden Ländern«. Er erzählt uns dann ausführlich von den Zuständen
in Preußen, Livland und Litauen: »Schließlich wird fest behauptet, daß unter
jener Schar auch Große dieses Landes und Männer aus dem höchsten Adel sich
befinden.«
Ganz
bestimmte Plätze in den baltischen Ländern scheinen für den Geheimbund der
Werwölfe wichtig gewesen zu sein. Ausführlich schildert uns der schwedische
Historiker: »Zwischen Litauen, Samogitien und Kurland ist eine Mauer, der Rest
einer veffallenen Burg. Dort kommen zu einer bestimmten Zeit des Jahres einige
tausend (!) von ihnen (den Werwölfen) zusammen, und sie prüfen die
Geschicklichkeit eines jeden von ihnen im Springen. Wer jene Mauer nicht überspringen
kann, wie es den dickeren meist geschieht, der wird von ihren Vorstehern mit Geißeln
gepeitscht. Offenbar waren die Menschenwölfe überzeugt, daß sie nur schlanke
und schnelle Mitglieder in ihrem Volk haben sollten.
Im
Russischen pflegte man einst zu sagen - wie ich es noch als Kind hören durfte
-: »Wenn du den Hunger nicht kennst und fett wirst, kannst du niemals in ein
Wolfsfell schlüpfen.« Das sagte man im bestimmten Sinne: Ein Mensch, der schon
in jungen Jahren alles im Überfluß besitzt, wird faul und träge. Niemals könnte
er später eine außergewöhnliche Leistung vollbringen. Im übrigen führen
sich im Werk des gründlichen Olaus Magnus die Werwölfe nicht nur tierisch,
sondern auch menschlich genug auf. Er erzählt von seinen Werwölfen, die in der
Weihnachtszeit die Gegend unsicher machen: »Sie dringen in die Bierkeller ein.
Sie trinken dort etliche Tonnen(!) Bier oder Met aus. Die leeren Fässer stellen
sie in der Mitte des Kellers aufeinander. Dadurch unterscheiden sie sich von
geborenen und echten Wölfen.« Dieses tüchtige Zechen des Wolfsvolks in den
langen Nächten ist ganz sicher ein wichtiger Hinweis:
Der
Eindruck der Tierleute, sich wirklich in wilde Tiere zu verwandeln, wurde
zweifellos durch ihren starken Rausch gefördert. Wichtig scheint uns noch ein
weiterer Hinweis des bedeutenden schwedischen Wissenschaftlers: »Dem Ort
jedoch, wo sie in jener Nacht (der Verwandlungen) gerastet haben, schreiben die
Einwohner dieser Länder etwas Prophetisches zu. « Dies sei offensichtlich eine
Erfahrung der baltischen und angrenzenden Stämme »seit langer Zeit«. Hier
haben wir möglicherweise einen weiteren Hinweis auf die Tatsache, daß das Volk
aller Länder gewisse Plätze in der Wildnis als »heilig« ansieht. Zumindest
im Alpenraum sind das häufig Orte, die naturverbundene Menschen der Umgebung
als Treffpunkte von Wildtieren kannten. Man betrat sie mit Scheu und Ehrfurcht.
Es war schlimmer als Frevel, sie etwa durch die Jagd zu entweihen. Selbstverständlich
wurden sie nie durch Abfall beschmutzt. Sagen um Hexen und Hexer, »die sich
hier in Tiere verwandeln«, umgeben solche Stellen noch heute.
Es
ist darum in den meisten Fällen wahrscheinlich, daß sich hier, an den
Lieblingsplätzen ihrer Tiere, deren Verehrer trafen. Sie zogen ihre Felle an
und versuchten sich in einer entsprechenden Umgebung in das besonders verehrte
Geschöpf möglichst vollkommen einzufühlen. Im Alpenraum und im oberen
Rheintal nannte man mir noch etliche Stellen, »wo sich einst Wildkatzen paarten
und sich die Hexen in Katzengestalt trafen«. Es ist kaum zu bezweifeln, daß
die Angaben von Olaus Magnus im wesentlichen stimmen. Im Norden gab es
zweifellos viele Plätze, die mitten im »Wolfsland« lagen: Hier trafen sich
die Verehrer der »Fürsten der Nacht« im Fell. In jedem Fall finden wir hier
die Erfahrung und Überzeugung der Alten, daß solche Treffpunkte in Wald und
Feld von einer bestimmten »Kraft« erfüllt sind. Diese brauchen die Tiere für
ihr glückliches Gedeihen.
Die
Menschen, die sich mit ihnen wesensverwandt fühlen, suchen sie ebenfalls auf.
Gemeinsam versuchen sie, diesen Zauber der Umwelt besser zu erfühlen, zu
begreifen und für das eigene Wohlergehen zu verwenden.

Eine
verhältnismäßig ausführliche Schilderung der Verwandlung in den Werwolf
finden wir bereits beim römischen Schriftsteller Petronius. Er lebte im 1.
Jahrhundert unserer Zeitrechnung: Zur Zeit des ungerechten Kaisers Nero wurde er
aus Neid über seine hohe Bildung in den Selbstmord gehetzt. Mit einem ihm nicht
näher bekannten Mann geht der Held der Geschichte, die uns Petronius erzählt,
auf nächtlichem Wege. Wie in den ganz modernen Erzählungen und in Filmen um
die Werwölfe scheint der helle Vollmond: »Wir machten uns gegen Mitternacht
auf den Weg. Der Mond schien so helle, als wenn es Mittag wäre. Wir gingen
endlich nun über die Gräber. Da fing auch mein Kerl an, die Sterne zu beschwören
... Der unheimliche Begleiter entledigt sich sodann aller Kleider - und
verwandelt sich darauf in einen grimmigen Wolf.
Petronius
läßt den Zeugen des Vorganges feststellen: »Es schwindelte mir vor den Augen,
und meine Seele wollte aus der Nase fahren . .. « Petronius, der bekanntlich
auch er schreckende Geschehnisse mit überlegenem Humor schilderte, will
offensichtlich sagen: Der Mensch kann die Verwandlung in einen Wolf nur dann
schauen, wenn seine Sinne in eine andere Wirklichkeit blicken. Das helle
Mondlicht, eine Umwelt von Wald und Gräbern, die Beschwörung der Sternenkräfte
durch den unheimlichen Begleiter - dies alles versetzt den Zeugen in eine
gesteigerte Erregung. Ein Schwindelgefühl durchfährt seine Sinne. Die
Verbindung der Seele zum Leib scheint sich nun zu lockern. Es wird also dem
Menschen fast, als betrete er das Jenseits: Er kann nun Dinge wahrnehmen, die
nicht in unserer materiellen Welt stattfinden.
In
volkstümlichen Sagen und modernen Romanen verwandelt sich der Werwolf monatlich
in sein Lieblingstier - immer wenn am Himmel der Vollmond scheint. Gewisse
Berichte, die genau sein wollen, lassen ihn noch viel seltener erscheinen. Nämlich
nur: »Die Nächte des Vollmondes während denen der Akonit wächst.« Das ist
eine sehr gefährliche Pflanze, die wir als Eisenhut kennen. Sie einzunehmen
bedeutet einen qualvollen Selbstmord. Von der Sage wird behauptet, daß die
einstigen Hexen und Heiler eine Reihe von Verfahren kannten, um die geheimen
Wirkungen unbeschadet benützen zu können.
Immerhin
wird von der Naturwissenschaft, die vorsichtig die uralten Überlieferungen zu
überprüfen versucht, versichert: Schon wenn man winzige Mengen Akonit mit
unserer Haut in Verbindung bringt, entsteht auf ihr eine gewisse Verminderung
des Gefühls. Schläft dann der Mensch, der mit allen Vorsichtsmaßnahmen den
Versuch unternimmt, empfindet er seine Haut irgendwie »pelzig«! Gerät er darüber
in wildes Träumen, so kann es ihm erscheinen, er besitze ein richtiges Fell.
Dies sei nur die Folge seines durch das Gift verringerten oder gestörten
Empfindungsvermögens...
Im
Neuenburger Jura hat man es mir erzählt: Es gab früher Menschen, denen die
Jagd in der Wildnis als die höchste Leidenschaft galt. Sie durchstreiften darum
in bestimmten Nächten, gemeint ist sicher in denen des Vollmondes, ihr
Lieblingsgebiet. Dies taten sie, wenn schon die kalten Winde durch das Land
streiften, das welke Laub naß den Boden bedeckte. Es nahte also die strenge
Zeit, in denen die Wölfe mit immer kühneren Streifzügen begannen. In der Öde
der Nacht, von tausendfachen Düften erfüllt, begann auch der Mensch zu spüren
und riechen, als wäre er selber ein wildes Tier. Das Mondlicht und die
Schwaden, die vom Eisenhut und namentlich von der Fäulnis im Sumpf aufstiegen,
sollen das übrige getan haben. Früher oder später kam über den wilden Jäger
der Herbstrausch, seine Wahrnehmung verwirrte sich, unglaubliche Bilder umhüllten
den Geist. Wellen der Angst vor dem Unbekannten, dem lauernden Feind, reizten
die Nerven bis zum Unerträglichen. Die sich steigernde Spannung zwang die
Sinne, jeden Geruch, jeden aufglänzenden Lichtfunken schärfer wahrzunehmen,
als es sonst die Gewohnheit von uns Menschen ist. Irgendwo in einer ihm
bekannten Höhle oder einsamen Waldhütte endete der Weg des Menschenwolfs. Er
fiel auf die bloße Erde und ergab sich endgültig der Traumwelt, die ihn in das
Reich der wilden Tiere entführte. Es soll sogar vorgekommen sein, daß er nicht
einmal fähig war, ein schützendes Dach zu erreichen. Er fiel auf den bloßen
Erdboden und schlief fest ein. Sein Körper zuckte nun auf eine Art und Weise,
die den aufmerksamen Zeugen erkennen ließ: Hier war ein Mensch, dessen Seele
gierig durch die Wildnis hetzte, als wäre sie ein echtes Raubtier. Manchmal öffnete
sich sogar der Mund des Schlafenden, er fletschte die Zähne und ließ ein
undeutliches Knurren hören. Die alten Jurassier sollen vor solchen Nachbarn,
die schließlich am Tage recht vernünftige Verwandte und Freunde sein konnten,
keinerlei Angst gezeigt haben. Fanden sie einen Nachbarn beim Morgengrauen
ziemlich nackt im feuchten Grase daliegen, bedeckten sie ihn vorsichtig mit
einem warmen Mantel. Sie weckten ihn auf jeden Fall
nicht gewaltsam: Sie nahmen an, daß es sonst die noch abwesende Seele
schwer habe »zurückzukommen«.
Dieses
Begrüßen des Herbstmondes »nach Art des Wolfes« sollte im übrigen viele
Vorteile mit sich bringen. Die sonst von kränk]ichen Leuten so gefürchteten »herbstlichen
Giftnebel« sollten dem leidenschaftlichen Jäger nichts mehr anhaben. Er konnte
nun durch Kälte und Nässe eilen, ohne jedesmal für Tage ins Bett sinken zu müssen.
Auch sollte er nun einen Monat lang die Spuren der Beute herausspüren können,
als sei er tatsächlich vom Wolfsvolk in dessen Familie aufgenommen worden. Wie
schon der Mann bei Petronius konnte er durch ein verrufenes Waldgebiet in der
Nacht wandern, als wäre um ihn hellichter Tag. Die bange Furcht vor der
Dunkelheit, die in den Herzen der meisten Menschen wohnt, war nun sein Verbündeter.
Diese allgemeine Angst erlaubte ihm, was mir ein Jäger aus dem Neuenburger Jura
als sein hohes Glück bezeichnete. Er konnte sich als starkes Geschöpf der
Nacht empfinden und deren zahllose Geräusche und Gerüche wahrnehmen und genießen:
In Augenblicken war er fähig, deren verborgenen Sinn zu entschlüsseln.

Rußland
blieb, zusammen mit dem Baltikum, wohl bis heute ein Herd des Werwolfglaubens.
Die Auseinandersetzung mit den griechisch-orthodoxen Priestern fand kaum statt.
Die malerischen Kirchen waren Inseln der Festfreude, um die in heiligen Zeiten
das Volk zusammenströmte. Dazwischen dehnten sich kaum wirklich efforschte Sümpfe
und dunkle Wälder aus.
Ganze
Stämme, vor dem Schulzwang nur oberflächlich »russifiziert«, hausten an der
Grenze zur Wildnis. In ihren Hütten redete man angeblich noch immer besondere
Mundarten aus den Gebieten von Ural und Altai. Neben den goldglänzenden Ikonen
der christlichen Heiligen verbargen sich in den Nischen der Balken die Ahnengötter:
Sie bewachten noch immer die ewigen Gesetze von Jagd, Fischerei und Bienenzucht.
In großen Teilen des Landes galten noch immer die Tierkobolde als gute Nachbarn
und Lehrer der Lebenskunst auf der eisigen Erde.
Als
nach 1700 Kaiser Peter Rußland zu einem »fortschrittlichen europäischen Staat«
erklärte schämte man sich allgemein des asiatischen Erbes. Druckereien für
Schulbücher und modische Unterhaltung sprossen zwar jetzt wie Pilze aus dem
Boden, aber es galt als Schmach, über den echten, noch immer lebendigen
Volksglauben in den eigenen Provinzen zu schreiben.
Der
ukrainische Edelmann Orest M. Semow (1793-1833) war aber stolz, die verfemten
Werwölfe in die Dichtung einführen zu düffen. Seine für Land und Volk
kulturgeschichtlich wichtige Tat geschah im romantischen Jahrbuch Schneeglöckchen
(Podsneschnik), das im Jahr 1829 in St. Petersburg erschien. Der Verfasser
versichert uns, daß er dem überlieferten Volksmärchen folgt. Das ist sicher
untertrieben. Er erzählt so lebensecht, daß niemand zweifeln
kann:
Der Schriftsteller kannte genug Zeitgenossen, die noch immer vom Dasein der »Verwandler«
(oborotni) unter Menschen und Tieren fest überzeugt waren.
Der
»Werwolf« ist hier ein Kräuterarzt und Heiler, ein rüstiger Alter, der mit
seinem Ziehsohn in einer Waldhütte haust. Wie die Tiere wäscht er sich regelmäßig
mit Tau. Obwohl er hie und da Schafe oder Ziegen tötet, nützt er der
Allgemeinheit. Er kennt eben die Kräfte der Natur wie kaum ein anderer. Seine
Verwandlung in den Werwolf schildert Somow kaum viel anders als fast zwei
Jahrtausende vor ihm Petronius: Der Waldzauberer beschwört dazu den leuchtenden
Mond
mit den »goldenen Hörnern«.
Im
übrigen ist das Volk zum alten Mann sehr höflich. Er wird auch für seine
Dienste gegenüber den Dörflern gut entschädigt und ist beneidenswert
wohlhabend. Sein Sohn, der sich ebenfalls ein wenig »verwandeln« kann, gilt
als recht schlichtes und liebenswürdiges Gemüt: Ein Mädchen ist in jeder
Beziehung glücklich, ihn zum Gatten zu bekommen.
Im
Gegensatz zu den modernen englisch-amerikanischen Gruselgeschichten um Werwölfe
ist hier nichts Böses zu erkennen. Der Werwolf ist für Bauern eigentlich nicht
ungewöhnlicher als die »normalen« Wölfe. Der Schaden, den er anrichtet, ist
kaum schlimmer als derjenige, den man auch sonst mit dem Kleinvieh hat. Man ist
nun einmal den Umgang mit solchen Geschöpfen gewöhnt: Das Leben auf dem Lande
ist trotzdem recht gemütlich.
Der
Dichter und Volkskundler beendet seine »wahre« Geschichte mit der nach ihm
einzig möglichen Nutzanwendung: »Derjenige, dem keine wölfische Art angeboren
ist, soll sich niemals als Wolf verkleiden. « Die Sagen und Bräuche um die
Werwölfe können demnach also nur in einem Wolfslande voll verstanden und gewürdigt
werden.
Von
meiner Großmutter hörte ich eine einleuchtende Erklärung: In den endlosen
Weiten des europäischen und asiatischen Nordens herrscht die »allmächtige
Kaiserin Winter (Zima-Zaritza)«. Der Wolf, der sich in der Kälte um die kürzesten
Tage des Jahres sogar paart, gilt als das vielbewunderte Vorbild des Überlebens.
Während
die meisten Menschen in den verschneiten Dörfern des finnisch-russischen
Nordens um diese Zeit häufig hungern, fasten viele noch zusätzlich vor der »heiligen
Zeit der Geburt Christi«. Doch es gibt hier die Wolfsleute, die die »Heiligen
Nächte, wenn das neue Jahr kommt«, fast nach Art ihrer Lieblingstiere
verbringen: Der Höhepunkt ihrer Feste ist das nächtliche Auffressen von noch völlig
rohem Schaffleisch.
Da
sie alle vom genügsamen Dasein in Herbst und Winter eher geschwächt sind,
wirkt dann das blutige Mahl auf sie geradezu wie ein Zauber. In ihren anschließenden
Traumgesichten fühlen sie sich als »echte« Wölfe und heulen mit ihren
tierischen Freunden um die Wette.
Da
ich als Kind von Tierliebe geradezu zerfloß, weinte ich aus Mitleid mit den
Schafen. Die Großmutter tröstete mich mit rührenden Worten: »Durch ihre
wilden Mondnächte haben die Verwandlungs-Menschen (ljudi-oborotni) keine
Grausamkeit mehr in sich, sie haben sie völlig ausgelebt. Sie gelten, obwohl
sie meistens übermenschlich stark sind, als gutmütig und lieb gegenüber ihren
Nachbarn und allen Geschöpfen. Einige von ihnen haben von ihrer Raserei während
der Waldweihnachten gründlich genug! Im übrigen Jahr meiden sie sogar meist
das Fleisch. Sie wenden sich ab, wenn sie Blut strömen sehen. «
Ein
Werwolf könnte gegenüber Menschen nur grausam werden, wenn es ihm unmöglich wäre,
seine »wilde Seele« auszuleben: »Ohne das Raubtier des Nordens, das er in
sich weckt, hätten viele Menschen gar nicht die Lebenskraft gehabt, in dem
Schneereich durchzuhalten. « So erscheint ihnen aber ihre harte Umwelt, die sie
mit »Wolfs-Sinnen« wahrnehmen können, als »ein silberglänzendes Paradies«.
Wenn
ein Mitmensch verbittert, zornig, von allen denkbaren Seiten bedrängt ist, sagt
er noch immer: »Es ist zum Aus – der – Haut - Fahren.« Johannes Nepomuk
Sepp, dieser wichtige bayerische Kenner des Volksglaubens, sieht hier den Rest
des alten Glaubens an den Werwolf. Gerade in der körperlich und seelisch harten
Zeit des Jahres soll ja dieser »ausgefahren« sein: Dadurch wurde er frei von
der inneren Vergiftung durch Verbitterung, Rachsucht und Zorn.
Im
Märchen geht die Jungfrau »Rotkäppchen« durch den finstern Wald. Die Mutter
mahnt sie, keinen Schritt vom Wege abzuweichen. Tut sie es doch, holt sie der
Wolf. Dieser redet wie ein Mensch und geht auch auf den Hinterbeinen - er ist
also deutlich der Werwolf.
Das
Märchen wurde mir erst vollkommen verständlich, als der Zigeunergeiger Baschi
und ich durch eine Wahrsagerin in die Bildkarten des Tarot eingeweiht wurden:
Die weise Frau wirkte in ihrem Wohnwagen vor allem zwischen der Camargue und
Avignon. Sie versicherte, daß ihre nahen Ahnen noch um die Jahrhundertwende am
Schwarzen Meer herumzogen. Sie seien »etwas ganz Besonderes gewesen«: Sie
standen aber auf alle Fälle mit dem Volk der Kupferschmiede und Kesselflicker (halderasch)
in enger verwandtschaftlicher Verbindung.
Unter
den » Großen Trümpfen (arkanen) « des Tarot war ihr besonders das Bild 18
wichtig. Es zeigt die Nacht und den » über unseren geheimnisvollen
Lebenspfaden « schimmernden Mond: Gerade dieser bedeutete ihr zufolge die »tierische
Lebenskraft in uns« (la force animale et vitale). Die »Sonne der Nacht«
steuert nach dem Volksglauben Ebbe und Flut, Wachstum und Vergehen aller
irdischen Wesen. Wir erkennen dies in der monatlichen »Reinigung« der Frauen,
deren durchschnittliche Dauer »einen Mondmonat von 28 Tagen« beträgt.
Drohend
stehen um den »Weg durch alle unsere Leben« (le chemin de toutes nos vies)
zwei Türme, die wohl düstere Kerker enthalten. Vor beiden heult je ein gefährlicher
tierischer Wächter den Mond an. Sie gleichen sich in ihren Umrissen und sind
doch zwei verschiedene Geschöpfe. Meistens werden sie in der Wahrsage als »Wolf
und Hund« gedeutet. Die aus dem Osten einwandernden Stämme haben beide Tiere
mit ihren Vorteilen und Gefahren kennenlernen müssen.
Die
Erklärung des Sinnbilds lautet: Bist du in der Wildnis, hast du es mit den
hungrigen Wölfen zu tun. Bist du nahe der menschlichen Behausungen, dann können
dich die den Besitz hütenden Bluthunde anfallen. Du kannst es machen, wie du
willst, du mußt dir eins der beiden Tiere als Sinnbild wählen. Eigentlich hat
jeder Mensch den einen wie den andern in sich, jedoch nicht gleichermaßen.
Der
Wolf ist nach Erfahrung der Nomaden stark, schnell, listig, mit überwachen
Sinnen begabt, oft fast krankhaft in seine wilde Freiheit verliebt. Unabhängig
und gefürchtet streift er durch die Öden, deren nächtliche Wunder und Schönheiten
er kennt wie wohl nicht viele andere Wesen. Doch sein Zustand hat viele
Nachteile: Um seine volle Kraft immer neu zu gewinnen, braucht er viel frische
Nahrung. Aus diesem Grunde nagt in seinen Eingeweiden meist ein unstillbarer Heißhunger.
Er lebt fast mit der ganzen übrigen Welt in erklärter Feindschaft; Rast und
gemütliche Ruhe sind für ihn beinahe unbekannte Begriffe.
Der
Haushund dagegen hat in der Regel die Schrecken der Wildnis vergessen. Er wird
sorgsam gefüttert. Im rauhen Winter besitzt er sein warmes Schlafplätzchen.
Sein Besitzer zeigt ihm seine Liebe, streichelt und lobt ihn, was ihm Genuß
bereitet; doch er ist dafür ein treuer Diener, der nur nach Befehlen handelt.
Lebt eine Hunderasse zu lange bequem, beginnt ihre Entartung. Sie verliert
leicht die Schärfe der Sinne und die Stärke der Sehnen.
So
geht es, nach den Wahrsagerinnen der Nomaden, auch den menschlichen Völkern auf
ihrem Lebensweg. Hausen sie in der wilden Natur, sind sie fast unbesiegbar. Sie
leben unter Bedingungen, die uns unvorstellbar erscheinen. Werden sie aber »zivilisiert«,
dann nehmen ihre ursprünglichen Energien nach und nach ab.
Der
Wolfsmensch wird von Hunger und Winterkälte gehetzt. Der entspannte Lebensgenuß
ist ihm unbekannt. Der Hundemensch hat es warm, und es wird ihm von seinen
Herren (meistens) pünktlich der Bauch gefüllt; aber wenn er sich nicht um eine
gewisse Mäßigkeit bemüht, wird er feist und verweichlicht; zur starken
Lebensfreude fehlt ihm dann immer mehr die Energie.
»Es
ist schön, in den Häusern der Gadschos (Seßhaften) warm baden zu können«,
sagte uns um 1960 die weise Fahrende und Tarot - Philosophin: »Verlieren wir
aber völlig den wilden Wolf in uns, geht es uns fast schlimmer als in der
winterlichen Wildnis. Wir erlauben uns nicht einmal zu fressen, wenn uns niemand
dazu den ausdrücklichen Befehl erteilt. «
Auch
andere Lebenssymbole wurden gern auf diesem Bild dargestellt. Der Tarotkenner
Basil Ivan Rakoczi versichert uns, »daß man auf den Karten gewisser Wahrsager«
drei menschliche Gestalten sieht. Es sind die gleichen, welche die Fahrenden
gerne bei ihren Festen (fetes bohemiennes) den Anwesenden vorspielen. Auch sie
sollen die unerbittlichen Gesetze des Daseins deutlich machen.
Da
ist eine Frau, die schöne Colombina, die von den Fahrenden mit der »Mond -
Dame« selber gleichgesetzt wird. Sie ist gleichsam das Bild alles Weiblichen.
Dann treten zwei Männer in Jugendblüte auf, die sich beide um die Frau
bewerben. Der eine ist der mondbleiche, übermäßig zartfühlende und verträumte
Pierrot. Der andere ist der leidenschaftliche, von Lebenskraft effüllte bunte
Wildfang Harlekin.
Das
Tarot-Bild »Mond« oder »Nacht« heißt dann, wiederum nach Rakoczi, bei den
europäischen Nomaden und Wahrsagern »Karte der Träume«. Die Deuter sind überzeugt,
daß es für unser »glückliches Überleben« und die Durchsetzung unserer Wünsche
im Dasein beides braucht, sonst können wir unmöglich das Ziel unserer
Sehnsucht erreichen.
Wir
haben eben alle, wenn auch in verschiedenem Maße, beide in uns: den mondsüchtigen
Dichter und Träumer, den so leicht enttäuschten und vor jeder irdischen
Schwierigkeit zurückschreckenden Pierrot; und den stets angriffigen, durch alle
Widerstände und Gefahren nur herausgeforderten zähen Nachtmenschen Harlekin:
»Wir brauchen beide«, lehrt uns die Überlieferung.
Dieser
Text wurde entnommen aus:
Von
Vampiren, Nixen, Werwölfen und ähnlichen Geschöpfen
von
Sergius Golowin
Heyne
Verlag „Sphinx Reihe“
ISBN:
3-453-13288-2
DM
14.-