Wollen
Geheimgesellschaften wie zum Beispiel die afrikanischen »Leopardenmenschen«
lediglich Raubtiere imitieren - oder steckt etwas ganz anderes, Unmenschliches
dahinter?
Es
ist Mitternacht. Der Vollmond taucht die abgelegene Waldlichtung in ein fahles
Licht, auf der sich ein einsamer Mann für ein seltsames Ritual bereit macht.
Mit beschwörenden Gesten zieht er einen magischen Kreis, in dessen Mitte ein
Kessel mit einem Brei aus Kräutern und Drogen über einer behelfsmäßigen
Feuerstelle ruht. Dann entzündet er das Holz unter dem Kessel.
Während das Gemisch sich langsam zu erhitzen beginnt, legt der Mann außerhalb des Kreises seine Kleider ab. Danach reibt er seinen Körper mit einer Salbe aus Anissamen, Opium und dem Fett einer kurz zuvor getöteten Katze ein. Als letztes bindet er einen Gürtel aus Wolfsfell um. So vorbereitet, tritt er in den Kreis und kniet sich vor dem mittlerweile brodelnden Kessel auf den Boden. Bis der Inhalt die richtige Temperatur und Mischung erreicht hat, um konsumiert zu werden, murmelt der Mann beschwörende Zauberformeln:
»Dunkle
Mächte, ich bitt' um eure Gunst. In diesem Kreis, den ich gezogen, macht mich
zum Werwolf, stark und kühn, zum Schreckensbild von jung und alt, groß und
hager von Gestalt Macht mich zum Werwolf - zum Menschenfresser! Ich lechze nach
Blut, nach menschlichem Blut! Großer Wolfsgeist, gib es mir, und mein Herz, Körper
und Seele gehören dir!«
Nun ist die letzte Phase gekommen: die der Verwandlung Wenn dieses düstere Ritual, über das seine Vollzieher nicht sprechen und bei dem es keine Zeugen gibt (zumindest keine lebenden), tatsächlich funktionieren sollte, verwandelt es einen Menschen in einen Werwolf. Eine monströse Gestalt, halb Mensch, halb Tier, grau behaart mit langen Armen und Beinen, mit Wolfsklauen, einer spitzen Schnauze und erfüllt von unstillbarer Mordlust. Dazu verurteilt, nächtens zu jagen, zu töten und zu fressen, würde dieses unheimliche Phantom schon bald zum Schrecken seiner Umgebung werden. Und zur Quelle für alptraumhafte Legenden. Von der Antike bis heute gibt es diese Legenden in allen Regionen und Kulturkreisen. Je nach den klimatischen Bedingungen kennen und fürchten die Menschen neben den Werwölfen Europas und Nordamerikas Werbären in Rußland, Wertiger in Indien, Werjaguare auf den Sundainseln, Werleoparden, Werhyänen und sogar Werkrokodile in Afrika und noch so manche anderen Zwitterwesen. Immer sind diese Geschöpfe aggressiver Natur. Werrehe oder Werschildkröten sucht man im Volksglauben vergeblich. Obgleich noch keine dieser halb menschlichen, halb tierischen Kreaturen gefangen oder erlegt werden konnte, ist es erstaunlich, wie lange und wie konsequent sie schon im Bewußtsein der Völker herumgeistern.
Bereits im 5. Jahrhundert vor Christi Geburt berichtete Herodot, der immerhin, so Cicero, als »Vater der Geschichtsschreibung« gilt, über sie. Im römischen Imperium klassifizierten Ärzte eine exotische Krankheit mit dem griechischen Terminus Lycanthropie (Wolfsmenschtum). Der römische Satiriker und Schriftsteller Gaius Arbiter Petronius, der sich selbst tötete, um Neros Zorn und erbärmlicher Sanges- und Dichtkunst zu entgehen, schrieb von einem Soldaten, der als Werwolf eine Verwundung erhielt, die er auch in menschlicher Gestalt aufwies. Der Maler Lucas Cranach zeichnete im 16. Jahrhundert einen Werwolf bei einer Kindesentführung. Francisco de Goya verewigte 200 Jahre später derartige Kreaturen auf einigen Gemälden. Man findet sie auf unzähligen Bildern, Mosaiken, Wandfresken, Holzschnitten und so weiter. Im Frankreich des 16. Jahrhunderts ist es zu einer regelrechten Werwolf-Epidemie gekommen. Aus dieser Zeit gibt es zigtausende Berichte über Loupe - garoux, wie diese Wesen dort hießen.
Einer der beachtlichsten stammt aus dem Jahr 1588, in welchem ein Werwolf in der Auvergne einen Jäger attackiert haben soll. Dabei schlug der Jäger dem Wolf eine Pfote ab. Er steckte sie in seinen Jagdbeutel. Als er die »Pfote« im Haus eines Freundes herzeigen wollte, um sein Erlebnis zu illustrieren, holte er zum Entsetzen aller Anwesenden eine zarte Frauenhand heraus. Den größten Schock erlitt der Hausherr; denn an einem Finger der abgetrennten Hand befand sich ein Ring, der ihm nur allzu bekannt war. Gefolgt von den anderen stürmte er die Treppe hinauf zum Schlafzimmer seiner Frau, die dabei überrascht wurde, wie sie den Stumpf eines ihrer Handgelenke verband. Schnell kam die Inquisition ins Spiel, welche die Frau ohnedies schon einige Zeit der Hexerei verdächtigt hatte, und erledigte nach einem hochnotpeinlichen Verhör mit anschließendem Geständnis den feurigen Rest. Die Liste ähnlicher Beispiele ist lang und enthält sicher auch Fälle, in denen Menschen zwar nicht nachweisbar zu Raubtieren wurden, sich aber unzweifelhaft wie solche verhielten.
Einer der bekanntesten war der des französischen Einsiedlers Gilles Garnier aus Lyon, der eine Reihe von Kindern zu Tode biß und ihr Fleisch roh verschlang. Unter der Folter »gestand« er; ein Werwolf zu sein, und wurde 1573 in Döle zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Interessanterweise stießen »Werwolfforscher« auf eine Begehenheit, die sich 100 Jahre später ereignet haben soll. Im Zuge der späten französischen Hugenottengemetzel rettete ein Werwolf einen Ertrinkenden und gab sich, nachdem er wieder menschliche Gestalt angenommen hatte, als Priester zu erkennen, der von einer Frau namens Garnier(!) in einen Werwolf verwandelt worden war. Eine verblüffende Namensgleichheit.
Die Wissenschaft versuchte und versucht, diese hartnäckigen Legenden sinnvoll zu erklären. So führte der Engländer Dr. Robert Eisler in seinem Buch »Man into Wolf« Werwolfmythen auf unbewußte Prägungen aus der Frühzeit des Menschen zurück, als unsere Vorfahren sich bei der Jagd wie Tiere verkleiden und verhalten mußten. Nicht weniger ernsthaft sollte aber auch das Standardwerk »Übersinnliche Erscheinungen bei den Naturvölkern bewertet werden. Darin widmet der Autor Ernesto Bozzano Tiermenschen ein ganzes Kapitel, in dem eine Reihe von seriösen Zeugen angeführt wird, die solche Vorgänge in unserem Jahrhundert bei Eingeborenen beobachtet haben wollen. Endgültige Klarstellung steht noch aus. Doch selbst wenn durchschnittlichen Zeitgenossen bei Vollmond keine Körperbehaarung, Fangzähne und Klauen wachsen, so ist es unheimlich und unglaublich genug, wie viele von uns einen (Wer-)Wolf in sich haben, der sie veranlaßt, harmlose Mitmenschen mit menschlichen Beißwerkzeugen zu töten und ihr Fleisch zu verzehren