PETRONIUS
Niceros erzählt...
Als ich noch Sklave war, wohnten wir in einer engen Gasse, das Haus gehört jetzt dem Gavilla. Dort verliebte ich mich, wie die Götter das manchmal wollen, in die Frau des Gastwirts Terentius. Ihr habt sie doch auch alle gekannt, die Melissa aus Tarent, die hübsche kleine Dicke. Beim Herkules, ich habe mit ihr nicht etwa körperlich verkehrt und mich nicht aus Sinnlichkeit um sie bemüht, sondern weil sie so gutartig war. Wenn ich sie um etwas bat, hat sie es mir niemals abgeschlagen. Hatte sie ein As verdient, so bekam ich ein halbes. Meine ganze Barschaft verwahrte sie, und nie hat sie mich beschummelt. Eines Tages starb dann ihr Mann auf seinem Landgut. Ich hatte keinen anderen Gedanken, als zu ihr zu kommen, in der Not erweist sich bekanntlich, wer die wahren Freunde sind. Zufällig verreiste mein Herr nach Capua, er hatte dort verschiedenes zu besorgen. Diese günstige Gelegenheit griff ich beim Schopfe; ich überredete einen unserer Gäste, mich bis zum fünften Meilenstein zu begleiten. Er war Soldat und fürchtete weder Himmel noch Hölle. Beim ersten Hahnenschrei machten wir uns auf den Weg, der Mond schien taghell. Als wir an den Gräbern vorbeikamen, ging mein Begleiter zu einer Grabsäule hin, um dort sein Geschäft zu verrichten. Ich hatte mich niedergesetzt, sang aus Leibeskräften und zählte die Grabsteine. Wie ich mich nach ihm umsehe, da hat er sich splitternackt ausgezogen und alle seine Sachen an den Wegrand gelegt. Mir stockte der Atem, und ich stand wie erstarrt. Er aber pißte einen Kreis um seine Kleider - und verwandelte sich in einen Wolf. Ich will euch wirklich nicht zum Narren halten, ich lüge nie, und wenn man mir noch soviel Geld bieten würde. Doch wo war ich stehengeblieben? Als er sich nun in einen Wolf verwandelt hatte, fing er an zu heulen und floh in die Wälder. Ich wußte erst nicht, wo ich war, dann kam mir der Gedanke, seine Kleider mitzunehmen - sie waren zu Stein geworden. Todesängste stand ich aus. Ich zog mein Schwert und hieb während des ganzen Weges auf Gespenster ein, bis ich zum Hause meiner Freundin gelangt war.
Totenbleich kam ich an, ich hatte mir fast die Seele aus dem Leib gelaufen, der Schweiß rann mir nur so den Rücken hinunter, mir wurde schwarz vor Augen - ich konnte mich kaum erholen. Meine Melissa wunderte sich, daß ich so spät in der Nacht kam. »Wenn du früher gekommen wärst, hättest du uns helfen können«, sagte sie. »Ein Wolf ist in den Hof eingebrochen und hat das Vieh angefallen, wie ein Fleischer hat er den Tieren das Blut auslaufen lassen. Er hat aber seine Strafe bekommen, wenn er uns auch entwischt ist. Ein Sklave hat ihm nämlich mit der Lanze den Hals durchbohrt.« Als ich das hörte, konnte ich kein Auge mehr zumachen; gleich bei Tagesanbruch floh ich wie ein verprügelter Gastwirt in das Haus unseres Gajus zurück. An der Stelle, wo die Kleider zu Stein geworden waren, fand ich nur noch eine Blutlache. Zu Hause aber lag der Soldat im Bett und blutete wie ein Ochse, ein Arzt behandelte seine Halswunde. Mir wurde nun klar, daß er ein Werwolf war. Und fortan konnte ich keinen Bissen Brot mehr mit ihm teilen, auch wenn man mich totgeschlagen hätte. Haltet davon, was ihr wollt; wenn ich euch was vorgelogen habe, so nehme ich den Zorn eurer Schutzgötter auf mich.
"Von Werwölfen und anderen
Tiermenschen"
Herausgegeben von Klaus Völker,
Bechtermünz-Verlag, Augsburg 1997