OVID
JUPITER
verwandelt den Lyacon in einen Wolf
Also
lebt man vom Raub: nicht trauen sich Wirte und Gäste / Nicht der Schwäher dem
Eidam, auch Bruderliebe ist selten. / Gatte und Gattin, sie trachten nach
wechselseitigem Morde / Für Stiefkinder mischen die Mütter entsetzliche Gifte
/ Frühe erforscht der Sohn die Todesstunde des Vaters / Ehrfurcht und
Rechtlichkeit liegen zertreten; Astraea, die Jungfrau / Hat, die letzte der Götter,
die blutige Erde verlassen. Doch wie der Erde, so drohten den Höhen des Athers
Gefahren / Denn, so erzählt man, Giganten versuchten den Himmel zu stürmen /
Schleppten Gebirge herbei und türmten sie hoch zu den Sternen. / Da durchstieß
den Olymp mit dem Blitz der allmächtige Vater / Schleuderte weg vom Ossa den
Pelion: sie, da lagen / Ganz überdeckt vom Riesengetürm, die gräßlichen
Leiber / Und - man erzählt es - die Erde ward naß, überströmt von der Söhne
/ Reichlichem Blut. Da hat sie das heiße Geblüt ihrer Kinder / Wieder belebt:
um so ihrem Stamm die Dauer zu sichern / Schuf sie es um zu Gestalten von
Menschen. Doch waren auch diese / Kinder Verächter der Götter, gewaltsam, nach
grimmigem Morde / Lüstern: man spürte, es waren aus Blut entstandene Wesen.
Als es der Vater, der Sohn des Saturn, von der Feste des Himmels / Sah, da
seufzte er auf: er gedachte der, rat, die noch niemand! Wußte als er, des scheußlichen
Mahles am Tische Lycaons. / Da erfaßte ihn grimmiger Zorn, eines Jupiter würdig
/ Und er berief einen Rat: die Geladenen eilten zu kommen. / Hochhin führt eine
Straße, sie trägt nach der Milch ihren Namen / Sichtbar bei heiterem Himmel,
am leuchtenden Glanze zu kennen. / Hier ist der Himmlischen Weg zu des mächtigen
Donnerers Wohnung / Und zum Königspalast; zur Rechten und Linken sind Hallen /
Vornehmer Götter, belebt von Besuchern bei offenen Pforten. / Aber das niedere
Volk wohnt abseits: vorn haben die starken / Himmelsbewohner, die glänzenden,
ihre Behausung errichtet. / Dies ist der Ort, für welchen, wenn Kühnheit den
Worten erlaubt ist / Wohl die Bezeichnung paßt: »Palatin des erhabenen
Himmels.« Wie nun die Götter im marmornen Saale sich niedergelassen / - Er saß
höher, gestützt auf ein elfenbeinernes Szepter - / Schüttelt er dreimal und
viermal die schreckenerregenden Locken / Damit erbeben die Erde zugleich und das
Meer und die Sterne. / Und jetzt läßt er empört die folgenden Worte
vernehmen:
»Nie bin ich je um die Weltenregierung besorgter gewesen / Auch nicht
damals, als jeder der schlangenfüßigen Riesen / Mit seinen hundert Armen den
Himmel zu fesseln gedachte. / Freilich, der Feind war grimmig, doch war es ein
Krieg nur mit einer / Einzigen Schar: er erwuchs aus der einen und nämlichen
Wurzel. / Jetzt hingegen, so weit die Erde von Nereus umbraust ist / Muß ich
verderben das Menschengeschlecht. Ich schwör's bei den Flüssen / Die in den
Tiefen der Erde die stygischen Haine durchströmen: Alles versuchte ich schon,
doch ein unheilbares Gebrechen / Ist mit dem Schwert zu beschneiden; sonst
steckt es mir an, was gesund ist. / Halbgötter hab' ich zu eigen, auch ländliche
Gottheiten, Nymphen / Faune sowohl und Satyrn, Silvane, Bewohner der Berge. Da
wir diesen noch immer die Ehre des Himmels verweigern / Bleibe die Erde ihr
wohnliches Haus, das wir ihnen gewährten! Glaubt ihr hingegen, ihr Götter der
Höhe, sie seien auf Erden / Sicher, wenn mir, dem Beherrscher der Blitze und
eurem König / Jener bekannte Barbar eine Falle gestellt hat, Lycaon?« Alle
erzittern vor Schreck und verlangen in heißer Empörung / Strafe für den, der
solches gewagt. Nicht anders erbebte / Plötzlich das Menschengeschlecht, als
die Rotte der Frevler in grimmer / Wut es versuchte, den römischen Namen zu
tilgen mit Caesars / Blute; ob einem so jähen Verlust erstarrte der Erdkreis. /
So war dir, Augustus, die Liebe der Deinen willkommen / Wie sie es damals
Jupiter war. Als dieser mit Worten / Und mit der Hand das Murren besänftigt, da
schwiegen sie alle / Also war die Empörung gedämpft durch die Würde des
Herrschers. / Jetzt brach Jupiter wieder das Schweigen mit folgender Rede: »Jener
fürwahr ist bestraft - des braucht ihr euch nicht mehr zu sorgen - / Was er
hingegen verbrochen und wie er gebüßt, das vernehmet / Kunde, wie schlimm es
stehe, war mir zu den Ohren gedrungen. / Wünschend, sie sei nicht wahr, so
gleit' ich vom höchsten Olympus / Und durchwandre, ein Gott, in Gestalt eines
Menschen die Länder. / Gar lang würde es dauern, euch alle die Frevel zu
schildern! Welche ich überall fand: was ich sah, übertraf noch die Kunde. /
Dort in Arcadien war es: das Maenalon hatt' ich durchschritten / Schauriger
Tiere Versteck, auch Cyllene, des kalten Lycaeus / Fichtenwälder; hier wohnte,
den Gästen ein Schrecken, der Unhold. Dämmerung war's, fast Nacht, da betrat
ich seine Behausung. / Zeichen gab ich, ein Gott sei da, und die Leute begannen
/ Anzubeten. Da lachte Lycaon über die frommen / Bitten zuerst, dann sprach er:
>Ein klarer Beweis wird es zeigen! Ob es ein Gott ist oder ein Mensch, und
die Wahrheit wird deutlich. / Nachts bereitet er sich, den vom Schlafe
Belasteten meuchlings / Umzubringen: das ist der Wahrheitsbeweis, der ihm
zusagt. / Doch das genügt ihm nicht: er durchsticht mit dem Dolch einer Geisel
/ welche die Molosser gesandt, die Kehle; dann kocht er die Hälfte / Der noch
zuckenden Glieder in siedendem Wasser, am Feuer / Brät er die andere Hälfte;
sowie er sie aber zum Mahle Aufgetragen,
da hab' ich das Dach ihm mit rächender Flamme / In die verruchte Behausung gestürzt:
sie war würdig des Hausherrn. / Als er, voll Schrecken entfliehend, die
schweigenden Felder erreicht hat / Heult er hinaus und versucht vergeblich zu
reden; im Maule / Sammelt die frühere Wut sich, und seine gewöhnliche Mordgier
/ Richtet sich jetzt gegen Schafe: er freut sich noch immer am Blute. / Zotteln
werden die Kleider und Schenkel die Arme: ein Wolf ist / Jetzt er geworden, und
dennoch bewahrt er die früheren Züge. / Noch ist er grau, von Gewalttat kündet
die Miene wie vorher / Ebenso glühen die Augen; er bleibt ein Bildnis der
Wildheit. / Ein Haus ist untergegangen, doch nicht bloß eines verdiente / Unter
zu gehen: wo die Erde sich dehnt, herrscht wild die Erinys. / Eine
Verbrecherverschwörung, so scheint es / Bald sollen sie alle / Wie sie
verdient, die Strafe erleiden! So bin ich entschlossen!
"Von Werwölfen und anderen
Tiermenschen"
Herausgegeben von Klaus Völker,
Bechtermünz-Verlag, Augsburg 1997