Die homines sapientes feri

 

Nehmt euch vor mir in acht, denn ich bin ein echter Järul!

 Drohung eines alten wilden Mannes in Lister/Schweden

 

Die Menschen wählen die ihrer Natur angemessenen Tiertypen zu ihrer Metamorphose und kehren auf diese Weise in einen Zustand zurück, von dem sie sich fortentwickelt haben; sie haben sich von den Tieren, ihren »älteren Brüdern«, wie Herder sagt, emanzipiert. Ihre Vernunft lag einst »in Tierheit gefangen«. An jenen Urzustand erinnern die zahlreichen Beispiele von sogenannten Waldmenschen oder »wilden Männern«. Der »homo sapiens ferus«, wie ihn die Wissenschaft nennt, zeigt die tierischen Aspekte der menschlichen Natur. Wegen seiner wilden Eigenschaften zwar gefürchtet, erregt aber dieser Außenseiter der Gesellschaft das besondere Interesse der »zivilisierten« Menschen, projizieren sie doch in ihn all jene Freiheiten, die sie für sich selbst nicht mehr in Anspruch zu nehmen wagen. Angeekelt von der widerwärtigen Welt oder seinen eigenen Sünden, ging so mancher in die Wildnis, zurück zur Natur, um hier Geborgenheit und Ruhe zu finden. Immer wieder zeigen sich die Menschen beunruhigt und fasziniert von den Nachrichten über aufgefundene Waldmenschen, die von Tieren aufgezogen worden sind oder eine Zeitlang unter Tieren gelebt haben. Zu Zeiten der Minnesänger waren Waldmenschen genauso beliebt wie heute der Kinoheld Tarzan, von dem die Frauen geliebt sein wollen, während die Männer ihm nacheifern, auf Bäume klettern und mit Krokodilen ringen wollen.

Nach mittelalterlicher Auffassung waren die Waldmenschen einerseits Irre, exzentrische Einsiedler, Verbrecher und Menschen, die ihr Seelenheil verwirkt hatten, andererseits Wundergeschöpfe, denen in der Wildnis besondere Kräfte zuteil geworden sind. Voraussetzung für ihre positive Bewertung war ihre geglückte Rückkehr und Wiedereingliederung in die Gesellschaft. In der Geschichte vom Busart, einer deutschen Version der französischen Romanze »Peter der Provenzale«, kann ein Prinz seine geliebte Prinzessin erst nach einem Intermezzo als wilder Mann heiraten, das er bestens durchsteht und das seine Reputation enorm aufbessert. Der Prinz war mit seiner Geliebten spazieren gegangen; als sie sich unterwegs niederlegten, hatte er ihr den Ring vom Finger gestreift. Ein Busart hatte den Ring ergriffen und war damit davongeflogen. Der Prinz war ihm nachgestürzt, hatte sich aber im Wald verirrt und war endlich so von Sinnen gekommen, daß er sich die Kleider vom Leibe gerissen und seitdem wie ein wildes Tier auf allen Vieren im Wald umhergelaufen war: »Einst ging der Jägermeister mit Hunden in den Wald, und verfolgte einen Hirsch: da ersah er einen wilden Mann auf allen Vieren laufen und vor den Hunden auf einen Baum fliehen. Einer der drei

Jäger lief, während die beiden andern den Baum bewachten, zum Herzoge, der alsbald in den Wald ritt, wo der wilde Mann schon gefangen war und daher getrieben wurde. Er erbarmte den Herzog, der einen nur Verwilderten in ihm erkannte und ihn aufrichten ließ konnte aber anfangs nicht mehr aufrecht gehen, und war ganz mit spannenlangem Haare bewachsen. Er wurde so von den Frauen verborgen, sechs Wochen lang gebadet und geschoren, gesalbet und mit guter

Speise gepflegt, bis ihm Hirn und Mark wieder frisch ward, und er wieder menschlich ging und ritt.« August Rauber, der die Zustände der Verwilderten beschrieben und »ihre Bedeutung für Wissenschaft, Politik und Schule« betont hat, sieht in ihnen Kulturlose, deutliche Zeugen für die Beschaffenheit des frühesten urgeschichtlichen Menschen, der noch auf allen Vieren ging, behaart war und nicht sprechen konnte: »Sie sagen uns viel, indem sie uns mit unbezwinglicher

Gewalt davon in Kenntnis setzen, was denn eigentlich Kultur sei.« Es gelang jeweils nur unzulänglich, jene Kinder, die fast ausnahmslos mit wilden Tieren aufgewachsen waren oder zusammengelebt hatten, zu vollkommenen und glücklichen Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen. Nur selten fand sich ein Gelehrter, der, wie Jean Itard im Fall des Wildkinds vom Aveyron, außer naturwissenschaftlichem Ehrgeiz auch pädagogisches Interesse hatte. Die meisten eingefangenen Wilden wurden als kuriose Monstren und Wundergeschöpfe auf Jahrmärkten zur Schau gestellt oder zu feierlichen Anlassen einem Monarchen als Geschenk übergeben. In unserem Jahrhundert hat der Fall der Wolfskinder von Midnapore das größte Aufsehen erregt. Reverend Singh berichtet in seinem Tagebuch, dessen Authentizität von führenden Anthropologen bestätigt wurde, über den Versuch, diese bei Wölfen in Indien aufgewachsenen Kinder wieder an menschliches Dasein zu gewöhnen. Das Tagebuch ist übrigens der einzige Bericht über Wolfskinder, den ein Mann verfaßt hat, der auch an ihrem Auffinden selbst beteiligt war. Als ein Zeugnis humaner Gesinnung ist es dagegen fragwürdig, so ehrenwert die Absicht des Reverend Singh auch gewesen sein mag, die Wolfsmädchen zu guten Christenmenschen zu erziehen. Fast alle Wildkinder haben unter den veränderten Lebensbedingungen gelitten und sind bald gestorben. So auch Singhs Zöglinge Amala und Kamala. Man kann keinem der überlieferten Dokumente entnehmen, daß die Betroffenen ihre Gefangennahme als »Befreiung« empfunden haben.