Die Hexhamsteine (1972)

 

Hexham ist ein Marktflecken im Tal der Tyne, 32 Kilometer von Newcastle-upon-Tyne entfernt. England scheint ein guter Boden für mystische Ereignisse zu sein. Und für Flüche des Verderbens... An einem Februar - Nachmittag des Jahres 1972 jätete der elfjährige Colin Robson das Unkraut im Garten hinter dem Haus seiner Eltern. Dabei buddelte er einen runden Stein von der Größe eines Tennisballs aus dem Erdreich, wobei sich der Junge über den merkwürdigen Vorsprung an der einen Seite seines Fundes wunderte. Als er sich später jenen Stein etwas genauer vornahm, entdeckte er daran dessen wirkliche Bedeutung. Grob gemeißelte menschliche Gesichtszüge identifizierten das Gebilde als steinernen Schädel. Bei dem zunächst so seltsam anmutenden »Vorsprung« handelte es sich lediglich um die Andeutung eines Halses. Voller Freude rief Colin daraufhin seinen jüngeren Bruder Leshe herbei und zeigte ihm, was er gefunden hatte. Zusammen suchten die beiden Buben weiter - mit Erfolg: Bald stießen sie auf einen zweiten Steinkopf. Die Schädel sahen sich keineswegs ähnlich, stellten zwei grundverschiedene Typen dar. Der erste ähnelte einem Totenkopf mit männlichen Zügen; Colin und Leshe nannten ihn »Junge«. Das Steingebilde war von grünlichgrauer Farbe und glänzte von Quarzkristallen. Beide Brüder hatten große Mühe, ihn wegzuschaffen, denn das Ding war sehr schwer, schwerer jedenfalls als Zement oder Beton. Andeutungen von Haaren waren daran ebenfalls zu erkennen, sie schienen in Streifen angeordnet von vorn nach hinten zu verlaufen. Der andere Steinkopf - die Jungen nannten ihn »Mädchen» - ähnelte eher einem Hexenwesen. Er hatte wilde Glotzaugen, und das darauf angedeutete Haar war hinten zu einer Art Knoten verschlungen. Es schien früher einmal bemalt gewesen zu sein, denn an jener Schädelstelle fanden sich Spuren von gelber oder roter Farbe. Colin und Leshe hielten ihren makabren Fund zunächst geheim. Um Einfälle nicht verlegen, nannten sie die beiden Steindarstellungen Hexham - Köpfe, nach dem kleinen Ort, wo sie lebten. Sie brachten die Schädel ins Haus und versteckten sie dort in ihrer Kammer. Sie hätten es lieber nicht tun sollen, denn damit fing das ganze Unglück an. Wie von Geisterhand gewendet, drehten sich die »Hexham-Köpfe» ohne Anlaß um, Gegenstände zerbrachen ohne erkennbaren Grund. Als eines Tages die Matratze von einer der beiden Schwestern der Jungen aus dem scheinbaren Nichts heraus mit Glassplittern übersät war, zogen die Mädchen aus dem gemeinsamen Kinderzimmer panikartig aus. An der Stelle aber, wo der steinerne Fund im Garten ausgegraben worden war, begann um das Weihnachtsfest herum eine merkwürdige Blume aufzublühen; nachts glühte dort ein unheimliches Licht.  

Nun könnte man annehmen, daß alle diese Ereignisse bei den Robsons auf einem zufälligen Zusammentreffen beruhten und nicht wirklich etwas mit dem Auftauchen der Köpfe zu tun hatten. Doch handelte es sich keineswegs um zunächst vermutete Poltergeist - Phänomene, wie das bei heranwachsenden Kindern oft der Fall ist. Das bezeugte auf eindringlichste Weise eine Nachbarin der Familie. Ellen Dodd, so ihr Name, hatte nämlich ein furchtbares Erlebnis. Eines ihrer Kinder, der zehnjährige Sohn Brian, war erkrankt und hatte ängstlich nach seiner Mutter gerufen. Als sie an sein Bett trat, flüsterte der Knabe ihr zu, »etwas« habe ihn berührt. Die Mutter versuchte ihn zu beruhigen und schrieb die Behauptung ihres Jungen seinen Fieberträumen zu - aber im nächsten Augenblick wußte Mrs. Dodd, daß Brian nicht phantasiert hatte. »Denn da sah ich diese Gestalt«, erzählte die Frau von ihrer unglaublichen Begegnung. »Sie kam auf mich zu, und ich fühlte genau, wie sie mich an den Beinen vorsichtig anfaßte. Dann verließ sie auf allen Vieren das Zimmer. « Das Wesen habe »halb einem Menschen, halb einem Schaf« geähnelt, beschrieb es die entsetzte Mutter. Auch bei den Robsons blieb es nachts nicht ruhig. Die Mutter von Colin und Leshe vernahm nämlich ebenfalls ein fremdartiges Geräusch sowie Schreie, die von nebenan zu kommen schienen. Nachbarn wollten in jenen Stunden ein Wesen gesehen haben, das einem Werwolf ähnelte. Als Mrs. Dodd nach ihrem nächtlichen Zusammentreffen mit dem unbekannten Eindringling die Treppe ins Erdgeschoß hinunterging, bemerkte sie erschrocken, daß die Haustür offenstand, obwohl sie diese zuvor fest verschlossen hatte. Die Dodds zogen die Konsequenzen, berichteten den Beamten der Stadtverwaltung von den unheimlichen Vorfällen in ihrem und rund um ihr Haus und zogen in ein anderes Ortsgebiet. Auch die Robsons machten Ordnung. Als ihnen die Jungen von ihrem grausigen Fund erzählten, ließen sie die »Hexham-Köpfe« aus dem Haus entfernen und ihre Wohnstatt einer Geisteraustreibung unterziehen. Danach kehrte hier wieder Ruhe ein.

Für die seltsamen Steine fand sich trotzdem eine Abnehmerin. Dr. Anne Ross nahm die Schädelnachbildungen in ihr Heim. Als bedeutende Kennerin der keltischen Kultur hatte sie die »Hexham-Köpfe« untersucht. Das Ergebnis veröffentlichte sie in einem Kapitel ihres Buches »Folklore, Myths and Legends of Britain«, worin die Autorin zur Auffassung gelangt war, die Köpfe wären etwa 1800 Jahre alt und ursprünglich bei keltischen Kopfritualen verwendet worden. Was sie danach erlebte, hat sie niedergeschrieben, wurde zu einer beklemmenden Konfrontation mit einer fremden, furchteinflößenden Wesensart:

»Damals bezog ich es nicht auf die Köpfe. Wir ließen im Flur immer das Licht an und die Türen ein wenig offen, denn unser kleiner Sohn hat Angst im Dunkeln. Deswegen ist immer etwas Licht in unserem Zimmer. Ich wachte auf und hatte furchtbare Angst. Es überkam mich Panik, und mir war entsetzlich kalt. Um mich herum war eine grauenhafte Stimmung von eisiger Kälte. Aus irgendeinem Grund blickte ich in Richtung Tür. Dort sah ich gerade dieses Wesen weggehen. Es war etwa zwei Meter groß, leicht gebeugt und hob sich schwarz gegen die helle Tür ab. Der obere Teil ähnelte einem Wolf, der untere einem Menschen. Es war mit einem dunklen, fast schwarzen Pelz bedeckt. Ich konnte es ganz deutlich hinausgehen sehen. Irgend etwas ließ mich ihm hinterherlaufen. Normalerweise hätte ich das nie getan, aber ich hatte das Gefühl, ich müßte es tun. Ich verließ das Bett, lief hinaus und konnte hören, wie es die Treppe hinunterging. Dann verschwand es im hinteren Teil des Hauses. Als ich unten an der Treppe ankam, haue ich grauenvolle Angst.«

Das unheimliche Erlebnis blieb jedoch nicht auf Anne Ross allein beschränkt. Auch ihre halbwüchsige Tochter begegnete dem seltsamen Zwitterwesen. Sie und ihr Mann trafen das Mädchen in einem Schockzustand an, als beide einige Tage später von London nach Hause kamen. Auf ein Geräusch an der Haustür war diese von der Kleinen geöffnet worden. Im nächsten Moment glitt eine Gestalt, die einem Werwolf ähnlich sah, ins Innere des Hauses, sprang über das Treppengeländer und landete mit einem lauten Krach auf dem Fußboden. Mit schweren Tierfüßen trottete das Wesen danach in den hinteren Teil des Hauses. Auch das Mädchen hatte gleich ihrer Mutter den inneren Zwang verspürt, dem Eindringling zu folgen. Dieser war inzwischen im Musikzimmer am Ende des Flurs verschwunden. Als Mrs. Ross' Tochter dort nachschaute, war das Zwitterwesen wie vom Erdboden verschluckt. Plötzlich aber hatte das Mädchen ein schreckliches Angstgefühl befallen. Fluchtartig war sie aus dem Zimmer gelaufen. »An dem Tag, an dem die Köpfe aus dem Haus entfernt wurden, hatte jeder von uns, auch mein Mann, das Gefühl, als sei eine dunkle Wolke fortgezogen. Seitdem gab es keine Spur mehr von paranormalen Phänomenen«, schreibt Dr. Anne Ross in ihren Erinnerungen an das unfaßbare Unbekannte.

Sollte die Keltenforscherin recht haben und die »Hexham - Köpfe« tatsächlich aus keltischer Zeit stammen, so wäre es durchaus möglich, daß auf diesen Steinen ein uralter böser Fluch lastet. Ihr gegenwärtiger Verbleib ist unbekannt. Sicher ist, daß die Kelten aus dem Königreich Brigantien, heute York im nordwestlichen England, menschliche Schädel verehrten und als Zauber gegen das Böse bewahrten. Im westlichen Yorkshire wurden viele solcher Köpfe gefunden. Sie befinden sich an den Wänden von Gebäuden, an Eingängen oder am Giebel und haben eine besondere Bedeutung: Sie schützen die Hausbewohner vor dem Verderben. Welche Bewandtnis hatte es mit den »Hexham - Köpfen« gehabt? Waren sie, im Gegensatz dazu, negativ aufgeladen gewesen?