Grimmige Werwöfe
Selbst
ein König geriet in Verdacht ein solches Untier gewesen zu sein...

Auch
wer reinen Herzens ist, wer nachts sein Gebet nicht vergißt, kann zum Wolf sich
wandeln, wenn der Eisenhut blüht und der Vollmond hell erglüht. So lautet ein
alter Reim, der zum Ausdruck bringt, daß selbst ein guter und ehrenwerter Mensch zuweilen
Gefahr läuft, zu einem Werwolf zu werden. Das Wort stammt aus dem
Althochdeutschen und bedeutet ,,Mannwolf". Die Werwolfsagen haben sich
vielleicht aus den Mythen der nordischen Götter entwickelt, von denen es heißt,
sie hätten die Gestalt eines Tieres angenommen. Aber auch in einem
altgriechischen Mythos findet sich diese Vorstellung. König Lykaon von Arkadien
wird zur Strafe in einen Wolf verwandelt, weil er einen Menschen geopfert hatte.
Der Sage zufolge verwandeln sich manche Menschen in ihrer Lust am Bösen bewußt
und freiwillig in heißhungrige, reißende Tiere. Herodot berichtet, daß
slawische Neuerer einmal im Jahr für einige Tage Wolfsgestalt annahmen.
Vielleicht ist der Grund für diesen Aberglauben in einer Krankheit zu suchen:
Wer von einem tollwütigen Hund gebissen wird, ,,gebärdet sich wirklich wie ein
Wolf: Er tobt, beißt und schäumt, bis endlich der Tod die arme Menschenhülle
gleichsam von dem Wolfsteufel befreit, der sie besessen hatte. Der vom
Machtrausch befallene neubabylonische König Nebukadnezar fühlte sich in
manchen schlaflosen Nächten als Tier; er kroch auf allen Vieren durch den
Palast und fraß Gras - eine Krankheit, die man Kynanthropie (Wolf- oder
Hundemenschsein) nannte. Vielleicht leben hier Urinstinkte aus einer Zeit auf,
da der Mensch noch vorwiegend Jäger war, was ihn mit den Raubtieren, denen er
manche List abgeschaut haben mag, zutiefst verband.
Zumeist
alte Weiber Im deutschen Mittelalter waren es vor allem alte Weiber, die sich in
Wölfe verwandelten. So dichtete noch Goethe in seinem ,,Zigeunerlied": Ich
schoß einmal eine Katz' am Zaun, der Anne, der Hex', ihre liebe schwarze Katz'.
Da kamen des Nachts sieben Werwölf' zu mir, waren sieben, sieben Weiber im
Dorf, wille wau, wau. Im Menschen des Mittelalters war der Werwolfswahn so tief
verwurzelt, daß man in Deutschland neben Schwerverbrechern auch Wölfe aufhängte.
Im Jahre 1685 fand in Ansbach ein denkwürdiger Prozeß statt. Angeklagt und im
Gerichtssaal anwesend war ein kürzlich erlegter Wolf, der sich als Kindsräuber
betätigt hatte. In der Stadt ging das Gerücht, er sei ein Werwolf, und zwar
der frühere Bürgermeister Michael Leicht, der aus der Dachluke seinem eigenen
Begräbnis zugeschaut habe. Das angeklagte tote Tier wurde schuldig gesprochen
und am Galgen aufgehängt. Man überzog den Kadaver mit einem fleischfarbenen
Leintuch, setzte ihm eine braune Perücke auf und stattete ihn mit einem grauen
Bart und einer Maske aus, welche die Gesichtszüge des verstorbenen
Stadtoberhauptes trug. In seiner menschlichen Form ist ein Werwolf nicht immer
leicht von einem Vampir zu unterscheiden, denn beide haben viele gemeinsame Züge.
Dazu gehören zusammengewachsene Augenbrauen, klauenartige Fingernägel, kleine,
manchmal spitz zulaufende Ohren und
behaarte Handflächen. Ein Unterschied besteht jedoch: Der Ringfinger an jeder
Hand des Werwolfs ist ebenso lang wie der Mittelfinger oder noch länger. In
verwandelter Gestalt erscheint das Wesen als ein besonders großer, auf allen
Vieren gehender Wolf oder als dichtbehaarter Zweibeiner, der noch erkennbare,
wenngleich äußerst abstoßende menschliche Gesichtszüge sowie Klauenhände
hat: In beiderlei Gestalt beißt er seinen tierischen oder menschlichen Opfern
die Kehle durch und verschlingt dann das rohe Fleisch. In Italien glaubte man im
16. Jahrhundert, manchen Werwölfen wüchsen im Innern Haare, und im Jahr 1541
starb dort zumindest ein Verdächtiger unter den Messern derer, die ihn
untersuchten. Von Englands ungeliebtem König Johann, genannt Johann Ohneland,
der 1199 bis 1216 regierte, ging die Rede, er sei ein Werwolf
gewesen. Eine
normannische Chronik schildert, wie Mönche, die Geräusche aus seinem
Grab gehört hatten, seinen Leichnam aus der geweihten Erde herausholten: ,,So
wurde die böse Vorbedeutung seines Beinamens Ohneland ganz verwirklicht; denn
zu seinen Lebzeiten verlor er fast alle Besitzungen und über die restlichen die
Lehnsherrschaft, und selbst nach seinem Tode konnte er sein Grab nicht in
Frieden besitzen."
Viele
Möglichkeiten Ein Mensch kann auf mancherlei Weise zum Werwolf werden. Der
Priester Gervase von Tilbury sagte im Mittelalter, eine wirksame Methode bestehe
darin, daß man alle Kleider ablege und sich bei Vollmond im Sand wälze.
Nach
der italienischen Überlieferung hingegen genügte es, daß jemand zur Zeit des
Neumonds empfangen wurde oder auch nur bei Vollmond an einem Freitag im Freien
schlief, und schon entstand ein Werwolf.
In
Masuren war ein Mensch zum Wolfsleben verdammt, wenn seine Paten bei seiner
Taufe an Wölfe dachten.
Im
Jeverland wurde jeder siebte Sohn eines Ehepaares unweigerlich zum Werwolf.
In
Irland soll St. Patrick einen ganzen Clan verflucht haben, der durch mangelnden
Glauben sein Mißfallen erregt hatte; alle sieben Jahre verwandelten sich die
Mitglieder in Werwölfe.
Einige
europäische Sagen berichten, die Umwandlung könne hervorgerufen werden, indem
man aus einem Fluß trinke, aus dem einmal ein Wolf getrunken habe; ferner
dadurch, daß man von einem tollwütigen Wolf gebissen werde, oder ganz einfach,
indem man vom Gelben Eisenhut koste.
Eine
Silberkugel hilft Nicht minder vielfältig waren die Abwehrmaßnahmen gegen Werwölfe.
Die franko - kanadische Überlieferung empfiehlt eine Teufelsaustreibung durch
Anrufen des Namens Christi. Auch wer den Werwolf dreimal mit seinem richtigen
Vornamen anrede, bezwinge ihn.
In
Frankreich hieß es, der ,,loup-garou" - der Wolf, vor dem man sich wahren
muß - könne dadurch besiegt werden, daß man dem Wesen während seiner
Wolfsphase drei Tropfen Blut entnehme.
Doch
die bei weitem bekannteste Methode zur Befreiung eines Menschen vom Fluch des
Werwolfs besteht darin, das Geschöpf mit einer Silberkugel zu erschießen,
vorzugsweise einer aus geweihtem Silber, das etwa von einem Kruzifix aus einer
Kirche stammt.
Mit
vielen normalen Kugeln hingegen war der Wolf im allgemeinen nicht zu verletzen -
bis zum Beispiel ,,endlich ein Soldat gekommen, der den grimmigen Wolf durch den
Hals geschossen, daß er davon gelaufen, darauf sich ein altes Weib in dem Dorf
an eben solchem Ort gefährlich verwundet befunden. Es ist recht gut, daß
dieser Hexenmeister seine Kunst zu schießen dabei entdeckt. Er ladete nämlich
auf das Pulver ein Stückchen gedörrtes Hollundermark, darauf stoßet er die
Kugel ein. Und dies war alles."
Werleoparden
und Wertiger Fast jedes Volk kennt in seiner Überlieferung Tierverwandlungen.
In Afrika glauben manche, daß der Geist ihrer toten Herrscher in Leoparden
fahre, die dann ihr Volk plagen. In Asien fürchtet man den Wertiger. Und die
Skandinavier glaubten, daß Leute als Bären auf die Jagd gingen.
Einigen
dieser unheimlichen Geschichten liegen Tatsachen zugrunde. Es sind Fälle
bekanntgeworden, in
denen Menschen glaubten, sie
seien Tiere. Sie versuchten, Blut zu trinken und rohes Fleisch zu essen.
Viele
Hundebesitzer sind sehr stolz auf den Stammbaum ihres Lieblings. Aber die
Koniagas, ein nordamerikanischer Indianerstamm, führen sogar ihren eigenen
Stammbaum auf einen Hund zurück.
Die
Sage von einem Menschenvolk mit Hundeköpfen kommt in den verschiedensten
Kulturen vor. Ein Bericht steht in den Schriften von Sir John Mandeville, der im
14. Jahrhundert lebte: ,,Menschen befahren das Weltmeer zu vielen Inseln, bis zu
einer, die heißt Nacumera... Und alle Männer und Weiber dieses Eilands haben
Hundeköpfe, und sie heißen ,Kynocephales' (griechisch: Hundeköpfige)."
Marco
Polo schrieb, solche Menschen wohnten auf den Andamanen, einer Inselgruppe im
Golf von Bengalen. Doch für die Vorstellung von Hundemenschen, die wohl in
grauer Vorzeit aufkam, standen wahrscheinlich Paviane mit ihren hundeähnlichen
Schnauzen Pate.
In
der Kunst der Ostkirche zeigen Bilder den heiligen Christophorus zuweilen mit
einem Hundekopf. Der Legende zufolge sah der Heilige ungewöhnlich gut aus. Da
er deshalb ständig von Frauen behelligt wurde, betete er zu seinem Schutz um
einen Hundekopf. Möglicherweise entstand die Legende in frühchristlicher Zeit,
und vielleicht hat man damals in die Geschichten um Christophorus den altägyptischen
Kult des hunde- oder schakalköpfigen Gottes Anubis hineingemischt.