Curiose Erzählungen von den Währ - Wölfen
Es ist allgemein bekannt, daß unter anderen Stücken
der vermeynten Macht der Zauberer und Hexen auch diese seyn solle, daß sie sich in
unterschiedliche Thiere verwandeln, oder die Gestalten derselben annehmen können. Und
daß insonderheit die Frauen in Katzen, und unterweilen in Hasen, die Männer aber in
Wölffe verwandelt werden, welche Wölffe dann Währ- oder Wahr-Wölffe, Franz. Loups
Garoux, genennet werden. Die nachfolgende Erzählung darvon enthält unterschiedene Dinge,
welche mir sonst nicht bekannt gewesen, insonderheit daß man darauf Achtung gibt,
Heerden-weise kan lauffen sehen, da sonsten dergleichen Wölffe in den Hexen-Processen
sehr rar sind, und unter hundert Männern, welche als Zauberer verurtheilet worden, kaum 3
oder 4 gefunden worden, die bekennet haben, oder auch nur beschuldiget worden sind, daß
sie Währ-Wölffe gewesen seyn.
Es erhellet auch aus folgender Erzählung, daß jemand wider seinen Willen ein Währ-Wolff
werden kan. Sie findet sich in der Nord-Schwedischen Hexerey, oder Simia Dei, Gottes
Affe (pag. CII.), und lautet also: "Nicht unfüglich lässet sich allhier bey
dieser Gelegenheit, (weilen ich ohne dis der teufelischen Verwandelung gedencke,) mit
anfügen, das gemeine, ja leyder überhand genommene und eingerissene Landübel, so sich
meistens in denen Nordischen Landen und daselbst angräntzenden Fürstenthümern,
absonderlich in Cur- und Liefland zuträget, daß sich allda die Hexen und zauberische
Unholden in Wölffe verwandeln, bey Nacht-Zeit herum lauffen, die Leute, Vieh und
Feld-Früchte jämmerlich beschädigen und großen Schaden verursachen; (dahero sie auch
Wahr- oder Gefahr- und von etlichen gar Fahr-Wölffe genennet werden.) des Morgens gegen
Tage, (wann man es will beobachten,) siehet man sie häuffig über Feld und nach Haus,
ihren Dörfern und Wohnungen zu, wieder anheim lauffen, da sie dann ihre natürliche
Menschen-Gestalt wieder annehmen, ihre Gewerb und Verrichtung gleich andern Menschen
leisten und üben, essen, trincken, reden und leben wie verständige Menschen zu thun
pflegen. Lächerlich und fabelhaft lauter es zwar, und will manchem zu beglauben schwer
fallen, wie dann unterschiedliche Autores von dergleichen Wahr- oder Währ- Wölffen nichr
das geringste achten oder halten wollen.
Dagegen andere, welche dessen bessere Nachricht haben, es bekräftigen, das Gegentheil,
und daß es gewißlich also sey, beweisen,und glaubwürdige Exempel anziehen. Derer aller
ich hieher mich zu bedienen, (ausser einem einigen zu gedendren,) unterlasse. Es erzählet
mir eine besonders glaubwürdige Person, daß sie nicht nur von solchen Währ-Wölffen
gehöret viel, sondern auch um das Jahr 1637 selbsten solche Währ-Wölffe in Menge
gesehen, und auch beynahe mit seinem höchsten Schaden, habe kennen lernen.
Solche Begebenheit, und wie man so leichtlich in dergleichen teufelisches Unwesen auch
wohl recht unschuldig und unwissend gerathen Könne, berichtet er auf das
ausführlichste mit folgenden Umständen. Es begabe sich, daß in der Curländischen Stadt
Dublin, er von etlichen Teutschen eines Tages um weyhnachtliche Zeit in einen Krug,
(denn so werden allda die gemeine Gast- oder Wirths-Häuser genennet,) geführet wurde,
welche ihm als einen Landes-Mann und neuen Ankömmling mit einem Willkommens-Trundc
beehren wolten. Es ware aber in solcher Gast-Stube einer Seits besonders ein Tisch von
gemeinen Land-Bauren rings umher besetzt, aus denen einer nach geraumen Darinnen-seyn, von
dem Tisch aufgestanden, das bey sich stehende Trinck-Geschirr zur Hand genommen, vor der
Teutschen Zech-Tisch getreten, und da es sonsten gebräuchlich, daß, wann einer dem
andern eines zubringet, man der Land-Sprache nachzusagen pflege: Puß Guntzing! (zu
teutsch:) es gilt dir, mein Herr! als habe selbiger Bauer mit besonderm Bücken und
Neigen, auch freundlichem Gesichte und geneigten Geberden ihme (der Sprache noch
unbekannten) es mit diesen Worten zugebracht: Puß do dac man guntzig! (zu
teutsch:) es gilt dir wie mir, mein Herr! Er, ob er zwar nicht wuste, was dieses
gesagt wäre, doch leichtlich aus den Geberden abnehmen kunte, daß ihm der Bauer eines
zugebracht, wolte ihm auf teutsch den Trunck gesegnen; allein es wurde so balden von
seinem an der Seiten sitzenden Lands-Mann ihme die Hand auf das Maul geleget, und so wohl
demselbigen als auch allen andern anwesenden Teutschen verbothen, er solte es ihme ja
nicht gesegnen, auch sich nicht neigen, als ob ers ihm gesegnete, weil er nicht wüste,
was es auf sich habe, darauf sie von dem Tisch aufgesprungen, den Bauern überfallen,
erbärmlich geschlagen, und so lange in der Stuben herum gezogen, bis daß sie Blut sahen,
alsdann sie ihn mit noch vielem Bedrohen und aller Beschimpffung zum Hause hinaus
gestossen.
Nach diesem habe er gefragt, warum sie den guten Kerl so unverschuldet geschlagen hätten,
der es doch ihme so freundlich zugebracht habe! Darauf sie zur Antwort gegeben, wann er
ihm hätte den Trunck gesegnet, wäre er des Abends für gewiß zu einem Währ-Wolff,
jener aber dessen erledigt worden, und solte er es sicher glauben, dann dergleichen
Verführung und böse Anführung sey schon vielen der Sprach unkündigen Teutschen
widerfahren. Und deswegen hätte er also, bis man Blut von ihm gesehen, auch wider ihren
Selbst-Willen, (einig zu seinem Besten,) müssen geschlagen werden. Auch wurden ihme
darauf des folgenden Morgens eine Menge solcher nach Haus lauffenden Wölffe gezeiget,
welche in diesem vor den natürlichen Wölffen kunten erkennet werden: Weil sie den
Schweiff oder Schwantz wie ein gerades Scheid oder Stück Holtz heraus reckten, da
hergegen andere natürliche Wölffe denselben unter sich und zwischen den Beinen hencken
lassen.
Dieses ist die Nachricht von den Währ-Wölffen in der Nord-Schwedischen Hexerey. Es ist
ein so offenbahres Mährgen oder vielmehr schändliche Lügen, daß es keiner Widerlegung
bedarff. Der Autor der Erzählung hat sich entweder überhaupt der üblen Gewohnheit
derer, so in frembde Länder gereiset haben, bedienet, das ist, Lügen von demselben
erzählet, oder er hat sich wenigstens, welches auch die üble Gewohnheit vieler Leute
ist, der Leichtgläubigkeit des Autoris bedienet, und demselben, weil ihm durch Erzählung
solcher erdichteten Geschichte ein Gefallen geschähe, ein Mährgen aufgebunden. Gesetzet
auch, daß die gantze Erzählung wahr wäre, so beweiset doch dieselbe nicht, was der
Autor, der sie anführet, damit beweisen will, nemlich daß die Menschen Wölffe werden.
Dann dieses hat der Autor der Erzählung nichr bezeugen können, weil er weder gesehen,
daß ein Mensch ein Wolff, noch daß ein Wolff ein Mensch worden, sondern solche
unvernünfftige Lügen nur hat er in dem Krug von der Sauff-Gesellschafft erzählen
hören. Der Krug ist aber gewiß nicht der Ort, oder die darin versammelte
Sauff-Gesellschafft die Leute, von welchen solche wichtige Wahrheiten gelernet oder aus
deren Discursen bewiesen werden können. Wo die Stadt Dublin in Cur- oder Lief-Land liege,
ist mir nicht bekannt.
Aus: Eberhard David Hauber, Bibliotheca Acta et Scripta Magica. Gründliche
Nachrichten, Auszüge und Urtheile von solchen Büchern und Handlungen, welche die Macht
des Teufels in leiblichen Dingen betreffen. 35 Stücke in drei Bänden, Lemgo 1738-44