WERWÖLFE IM 17. JAHRHUNDERT

 

Der schwarze Reiter und die Wolfssalbe

Den ersten faktischen Bericht enthält das Bekenntnis, das Peter Bourgot, genannt der große Peter und Michael Verdung, vor dem Inquisitionsrichter und dem Prior Bom in Poligni, in der Diözese Besancon, und vor vielen Zeugen im Jahr 1521, als er auf Malefizien angeklagt gewesen, abgelegt; das Johann Wier aus dem Original im Auszuge mitgeteilt. Petrus sagte aus: wie, als vor neunzehn Jahren, zur Zeit des Jahrmarkts in Poligni, der heftigste Platzregen die von ihm gehütete Herde also zerstreut, daß er nicht gewußt, wie er sie wieder zusammenfinden solle, ihm beim Suchen des Viehes drei schwarze Reiter begegnet seien. Der letzte unter diesen habe auf die Frage, was ihn treibe! nachdem er ihm seine Not geklagt, ihn gutes Muts zu sein geheißen, und ihm versprochen: wenn er sich ihm hingebe, wolle er ihm einen Meister schenken, der ihm behilflich sein werde, daß er fortan für seine Herde weder vom Wolf noch einer andern Bestie, oder sonst woher, einigen Schaden zu befahren habe. Zur Bestätigung des Gesagten habe er ihm das Wiederfinden alles jetzt verlorenen Viehes, und darüberhin noch Geld versprochen.

Er sei die Bedingung eingegangen, und habe nach 4-5 Tagen am selben Orte sich einfinden zu wollen zugesagt. Da das Vieh wirklich sich gefunden, sei er am dritten Tage auch zu seinem Reiter zurückgekehrt, der ihn gefragt, ob er wirklich sich ihm ergeben wolle! Auf die Frage von seiner Seite, wer dann er sei! habe er erwidert: Der Diener des großen Höllenfürsten; aber fürchte dich deswegen nicht! Sie hätten nun miteinander eine Übereinkunft auf Absage des Christenglaubens getroffen; worauf er ihm die linke, schwarze und kalte Hand zum Kusse dargereicht; er aber nun vor ihm niedergeknieet, und habe ihn, der später sich Moyset genannt, und ihm allen Kirchenbesuch untersagt, als Herrn gegrüßt. Dies sei zwei Jahre so hingegangen, aber die Kunst, das Vieh zu behüten, habe man ihm nicht mitgeteilt; bloß habe der Geist, wie es geschienen, seiner sich angenommen, wenn etwa Wölfe zum Vorschein gekommen. Bald darauf der Hut der Herde enthoben, habe er den Moyset vernachlässigt, und etwa 8-9 Jahre lang den Kirchendienst wieder mitgemacht; bis ihn M. Verdung dazu gebracht, das Bündnis auf die Bedingung: daß das versprochene Geld angeschafft werde, zu erneuen. Die Zusammenkunft sei Abends in Chastel Charlon im Walde geschehen, wo viele andere, mit blau brennenden grünen Kerzen in der Hand, sich eingefunden.

Eines Tages habe Verdung, der auch einen Geist, Guillemin genannt, gehabt, zu ihm geredet: wenn er nur ihm glaube, wolle er ihn dahin bringen, daß er mit beliebiger Geschwindigkeit im Laufe fortkommen könne. Da er das, auf das Versprechen neuer Geldleistungen, sich gefallen lassen, habe dieser ihn, nachdem er sich nackt ausgezogen, mit einer Salbe eingerieben, die er bei sich gehabt; worauf er sogleich geglaubt, er sei in einen wahren Wolf verwandelt. Es habe ihn gegraut, als er die vier Wolfsfüße und sein Wolfshaar geschaut, aber er sei nun im Laufe, schnell wie der Wind, dahin gerissen worden, und das habe nur geschehen können durch Hilfe seines Meisters, der sogleich zur Stelle gewesen bei solchem Fluge, obgleich er ihn nicht eher gesehen, als nachdem er die menschliche Gestalt wieder erlangt. Michael, in gleicher Weise eingesalbt, habe sich mit gleich erwünschter Geschwindigkeit, daß das Auge nicht nachkommen können, fortbewegt. Hätte das so ein oder die andere Stunde hindurch fortgedauert, dann sei, wenn Michael wieder sich und ihn gesalbt, die Menschengestalt schneller, als man hätte denken sollen, zurückgekehrt, die Salbe aber hätten beide von ihren Meistern erhalten. Wenn er nah einem solchen Laufe, kaum sich aufrecht erhaltend, über Ermüdung bei Michael geklagt, dann habe dieser erwidert: dies sei alles nichts, und es werde sich bald von selber geben. Einst aber, als er nah dessen Anleitung sich gesalbt, habe er einen sechs- bis siebenjährigen Knaben mit den Zähnen erfaßt, und umgebracht, da er ihn aber wegen des Lärmens und Geheuls habe verlassen müssen, sei er zu seinen Kleidern zurückgelaufen, wo er drum die andere Kräutersalbe wieder zur menschlichen Gestalt gekommen. Gleiches habe auch Michael vollbracht, und eines Tags in Wolfsgestalt eine Frau getötet, die Erbsen eingetan; der Herr von Chusnee sei aber darüber gekommen, und da sie auch ihn angegriffen, seien sie nicht zum Zwecke gekommen. Sie bekannten gleichfalls beide: wie sie ein vierjähriges Mädchen getötet, und es bis auf den Arm verzehrt; dem Michael habe das Fleisch wohl geschmeckt, ob er gleich wenig gegessen; seinem Magen aber habe es keineswegs behagt. Einem andern Mädchen hatten sie das Blut ausgesogen, und den Hals verzehrt; ein acht- bis neunjähriges Kind habe Peter erwürgt, weil es ihm früher das Almosen versagt, und er habe nach der Tat, sogleich an derselben Stelle, um Gottes Willen das Almosen geheischt. Michael sei, wenn auch bekleidet, in einen Wolf verwandelt worden, Peter aber nur nackt; er wisse auch nicht anzugeben, was aus den Haaren geworden, wenn er die Menschengestalt wiedererlangt.

Er habe sich auch mit Wölfinnen, und zwar mit großer Lust, belaufen; bisweilen auch sei die Verwandlungszeit über Wunsch und Erwarten schnell vorbeigegangen. Sie fügten hinzu: auch ein wie aschgraues Pulver sei ihnen gegeben worden, damit sie den linken Arm und die Hand gerieben, wovon jedes Tier, das sie damit berührt, zu Grunde gegangen.

Wolfshaut und Salbe

Der zweite Fall hat sich noch klarer und bestimmter herausgestellt. Im Jahre 1603 wurde vor dem Parlamente von Bordeaux, unter dem Vorsitze des ersten Präsidenten Daffis, eines damals seiner Einsicht und Tüchtigkeit wegen durch ganz Frankreich berühmten Juristen, der Prozeß eines solchen Wolfsmenschen, aus der Roche Chalais, im Lande Guienne, instruiert, und die Akten dieses wohl geführten Prozesses hat de Lancre in seinem Buche ausgezogen, aus welchem Auszug die folgenden Umstände als wesentlich sich herausstellen. Der ordentliche Richter hatte an Ort und Stelle, im Dorfe Paulot, die erste Instruktion gemacht, auf das Gerücht hin: Wie dort am hellen Tage ein Wolf ein junges Mädchen, Margarethe Poirier, angefallen, und wie ein junger Mensch von 13-14 Jahren, Jean Grenier, bedienstet bei Peter Combaut, sich gerühmt: daß er es gewesen, der sie in Wolfsgestalt angegriffen, und sie verzehrt haben würde, wenn sie ihn nicht mit einem Stocke abgetrieben. Die Angegriffene war von dreien Zeugen die Zweitverhörte, und hatte gewöhnlich mit Grenier das Vieh gehütet. Dabei nun hatte er ihr zum öftern erzählt: wie er, nach Belieben sich in einen Wolf verwandelnd, schon mehrere Hunde und zwei Kinder zerrissen, das Hundefleisch sei aber nicht so gut zu essen, wie das der Kinder. Eines Tages nun, wie sie wieder bei der Herde gewesen, habe sich ein wildes Tier über sie hergeworfen, sie bei ihrem Gewande an der rechten Hüfte fassend, und es zerreißend, worauf sie mit ihrem Stecken auf dasselbe zugeschlagen. Das Tier aber habe darauf 10-12 Schritte sich von ihr entfernt, und wie ein Hund sich auf die Hinterfüße setzend, sie mit einem wütenden Blicke angesehen; also daß sie voller Schrecken davon gelaufen. Das Tier sei dicker und kleiner als ein Wolf gewesen, habe auch einen kleineren Kopf gehabt, dabei braunes Haar und einen kleinen Schweif. Die dritte Zeugin, Jeanne Gaboriant, 18 Jahre alt, berichtete über manche Reden, die er geführt. Auf die Frage, warum er jetzt so schwarz sei, habe er erwidert: das komme von der Wolfshaut, die ihm Pierre Labourant, der an einer mächtigen Kette liege, gegeben, und ihm dabei gesagt: wenn er sie annehme, könne er sich in einen Wolf oder jedes andere Tier umwandeln. Das habe er dann auch vielmal getan, und sei jedesmal beim abnehmenden Monde, Montags, Freitags und Samstags, aber nur eine Stunde des Tages, gegen Abend oder Morgen gelaufen, ihrer aber seien neune, von denen er einige nannte, die miteinander liefen.

Das schien hinreichend, den Angeschuldigten in Haft zu bringen, und in ihr vernommen, gestand er freiwillig mehr als die Zeugen ausgesagt. Er sei der Sohn des Tagewerkers Peter Grenier, den er vor drei Monaten verlassen, weil er ihn hart geschlagen, wo er dann in der Gegend von Courtras teils auf den Bettel umhergeirrt, teils im Dienste verschiedener Herren gestanden. Einst habe ihn ein junger Mensch, Peter vom Hause Tilhaire genannt, auf der Straße gefunden, und ihm gesagt: im Walde von St. Anton wohne ein Herr, der sie zu sprechen verlange. Da er mit ihm hingegangen, hatten sie ihn schwarz gekleidet, auf schwarzem Rosse gefunden, und da sie ihn gegrüßt, sei er abgestiegen, und habe sie mit einem sehr kalten Munde geküßt, ihnen dann geboten, sich jedesmal einzufinden, wenn er nach ihnen verlange, und sei dann davon geritten. Das sei vor drei Jahren geschehen, als er 10-11 Jahre alt gewesen, und sie hätten ihn darauf noch dreimal gesehen. Er habe sie sein Pferd putzen lassen, ihnen Geld versprochen, und ein Glas Wein gereicht, wo sie dann wieder ihrer Wege gegangen. Zuvor seien sie aber von ihm mit einer Art Spieß, den er geführt, unter den Hinterbacken bezeihnet worden, wo sich auch wirklich an ihm ein kleines, rundes, unempfindliches Zeichen, in Form eines Siegels, fand. Er bestätigte die Aussage der Margarethe Poirier als vollkommen der Wahrheit gemäß, und gestand: wie er bei den Dörfern de la Doubla einst in ein Haus gegangen, und ein Kind in der Wiege, das er allein gefunden, hinter eine Palisade im Garten getragen, so viel als ihm beliebt, davon gefressen, und den Rest einem Wolfe gelassen, der nahebei gewesen. So nannte er noch mehr andere, mit denen er eben so verfahren, ihnen jedoch die Kleider nicht zerreißend, wie die Wölfe tun, sondern sie abziehend. Er laufe bei abnehmendem Monde, 1-2 Stunden am Tage, und bisweilen in der Nacht, aber auch an Kirchenfesten, am Tage vor Pfingsten, in der Fasten, und besonders in der heiligen Woche. Der Herr vom Walde gebe ihm dann jedesmal, wenn er ihn laufen lassen wolle, die Wolfshaut und die Salbe, die er beide bei sich bewahre, und er nehme sogleich die eine um, und salbe sich mit der andern nackt. Peter de la Tilhaire besitze gleichfalls eine solche, und sie seien viermal miteinander gelaufen, ohne jedoch jemand miteinander zu töten. Sein Vater, gleichfalls ein Läufer, habe ihn mehrmals auf den Lauf mitgenommen, und sie hätten einmal miteinander ein Mädchen bei Grillaut getötet und gefressen. Nach dem Laufen finde er sich sehr ermüdet, und Hände und Füße blutig von Dornen und Disteln zerrissen. Der Nagel seines linken Daumens war dick, und lang und klauenartig; er habe ihn auf Befehl des Herrn vom Walde also wachsen lassen müssen. Dieser lasse ihn nicht aus dem Gesicht, so lange er die Wolfsgestalt habe; so wie er, der Angeklagte, ihn aber aus den Augen verliere, komme er wieder zur Menschengestalt.

Man übergab ihn nun zweien Ärzten zur Untersuchung, und die befanden ihn im Geiste stumpf, beschränkt und unwissend; dabei von einem schwarzgalligten und melancholischen Temperamente; erklärten jedoch: daß er nach ihrer Meinung keineswegs an der Wolfskrankheit leide. Zugleich hatte man auch die Väter, der vom Angeklagten als gefressen angegebenen Kinder, geladen, und mit ihm konfrontiert, und es ergab sich: daß sie mit seinen Depositionen in Bezug auf Zeit und Ort, die Form des Werwolfes, die Wunden, die Hilfe, die die Angehörigen geleistet, die Waffen oder Stöcke, die sie dabei geführt, die Worte, mit denen sie den Wolf angeschrieen, bis zu den geringsten Einzelnheiten übereinstimmten. Einmal hatte er aus dreien Kindern das zarteste und fetteste ausgewählt, und dabei angeführt: wie der Bruder des Vaters der drei Kinder ihn davon bewaffnet abgewehrt, und als er geflohen, ihm nachgerufen: je t'arroutteray bien. Die Kinder wurden dem Richter vorgestellt, das angegriffene und verwundete war wirklich das wohlbeleibteste unter den dreien; und Jean Roullier, ihr Vater, sagte aus: wie der Bruder jener Worte wirklich sich bedient. Man ging noch weiter, und ließ ihn durch alle Dörfer und Häuser führen, wo er nach seiner Aussage durchgelaufen; und wie er in einem derselben den Mann gefunden, der jene Worte ausgesprochen, erkannte er ihn sogleich unter vielen andern, und faßte ihn beim Arm. Auch Marg. Poirier wurde herbeigebracht; er erkannte sie sogleich unter vier bis fünf Mädchen heraus, und sie ihn hinwiederum, und zeigte den Justizbeamten und ihm die noch nicht ganz geheilten Wunden an Mund und Kinn. Auch sein Vater wurde gehört und mit ihm konfrontiert; der Sohn schwankte etwas in seinen Angaben, als er ihn sah, und man überzeugte sich, daß Elend und Gefängnis ihn stumpf gemacht. Aber nach einigem Ausruhen bestand er auf seiner früheren Aussage gegen ihn, die auch darauf ging: seine Mutter habe sich von ihm getrennt, weil sie ihn einst Füße von Hunden und Kinderhände hätte ausbrechen sehen. Die Entscheidung des Parlamentes war so weise, wie die Führung des ganzen Prozesses musterhaft. Der Hof urteilte: man dürfe den Knaben, den der Dämon gegen andere Kinder bewaffnet, nicht verloren geben; um so mehr, da er nach dem Berichre der Geistlichen, die sich seiner angenommen, schon sein Verbrechen zu verabscheuen angefangen, was in vielen Tränen sich zu erkennen und die Hoffnung gebe, ihn Gott und einer besseren Lebensweise wieder zu gewinnen. Erwägend jedoch, daß er den Augen der Bewohner der Dörfer, wo er seine Verbrechen ausgeübt, entzogen, und in eine Lage gebracht werden müsse: daß man einerseits eine so verwahrloste, der Gottesfurcht entfremdete Natur, nicht länger zu fürchten habe; andererseits aber sich in Stand gesetzt finde, sie wieder auf bessere Wege zu bringen, hat der Rat den Jean Grenier verurteilt: auf Lebenszeit in ein Kloster der Stadt eingesperrt zu werden, um demselben alle die Zeit dienstbar zu sein; dabei unter Todesstrafe ihm verbietend, je sich von diesem Einsperrungsorte zu entfernen. Sein Vater und Peter, genannt Tilhaire, wurden weiterer Untersuchung aufbehalten, nach Monatsfrist jedoch entlassen.

Dort in seinem Kloster besuchte ihn nun später 1610 de Lancre, und erfuhr von ihm noch manches Bedeutende. Er war damals ein junger Mensch, 20-21 Jahre alt, von mittlerer Größe, eher klein für sein Alter; hatte wilde, kleine, tiefliegende, schwarze, wirre Augen, deren Haltung zeigte, daß er sich seines früheren Zustandes, von dem er einige Kenntnis hatte, schämte, und niemand ins Gesicht zu schauen wagte. Er hatte sehr lange, helle, mehr als gewöhnlich breite, etwas geschwärzte, und durch das Herumbeißen mit den Tieren beschädigte und abgenutzte Zähne. Seine Nägel waren lang, und einige schwarz von der Wurzel bis zum Ende, darunter auch der Daumennagel, den der Waldherr ihm zu beschneiden verboten; und diese also geschwärzten waren dabei auch wie halb abgeschliffen, und sonst noch außergewöhnlich, weil er der Hände nach Art der Füße sich bedient. Er war einigermaßen stumpfsinnig, doch nicht so, daß er darum sinnlos gewesen wäre, und nicht schnell ausgeführt hätte, was die guten Carmeliten, die sich seiner mit Liebe angenommen, ihm befahlen. Er zeigte nur wenig Geist, und kam schwer zu Stande mit Dingen, die nur bloß gesunden Menschenverstand forderten; wie einer, der immer bei den Herden zugebracht, und nichts von der Welt gesehen. Er machte kein Geheimnis daraus, daß er ein Werwolf gewesen, und daß er auf Befehl des Waldherrn über Land gelaufen, und meinte nur, das sei ihm nicht schimpflich, da er aufgehört habe, ein solcher zu sein. Er gestand aber auch dabei ohne Hehl, daß er noch immer eine große Lust in sich spüre, das Fleisch von Kindern zu essen; besonders sei das von jungen Mädchen ein Leckerbissen. Auf die Frage: ob er dergleichen wohl noch esse, wenn er dürfe! sagte er aufrichtig: Ja! Auch erzählten die Geistlichen, wie sie ihn, im Beginne seines Aufenthaltes im Kloster, bisweilen die ausgenommenen Eingeweide der Fische verstohlen hätten verzehren sehen. Er hatte auch damals eine wundersame Fertigkeit, auf allen Vieren zu gehen, und gleich den Tieren über Gräben zu springen. De Lancre erinnerte sich dabei eines andern Knaben von Saint Pa, der so schnell wie ein fliehender Hund gelaufen; sich dabei so geschwind zu kehren wußte, daß man es kaum bemerkte, und wie ein Windspiel über die Gräben sprang. Grenier versicherte ihm auch: wie er eine Wolfshaut gehabt, die der Herr ihm im Walde von Droilha, im Marquisat von Fronsac, gegeben, und die er auf dem Dache einer Scheune in seinem Ort verborgen; doch habe er sie ihm nicht allemal gebracht, wenn er ihn habe laufen lassen. Sein Vater habe gleichfalls ihrer sich bedient, und er äußerte deswegen, und weil er ihn so übel hatte aufwachsen lassen, große Abneigung gegen denselben; wollte ihn auch niemals sehen, ob er gleich mehrfach zum Kloster kam. Dagegen hatte er ein ganz besonderes Wohlgefallen, Wölfe zu sehen, und diese Zuneigung mochte wohl gegenseitig sein, da er in seinen Verhören öfters ausgesagt: wie er immer den größeren Teil der Beute mitlaufenden Wölfen überlassen. Seinen Herrn vom Walde verabscheute und verwünschte er übrigens zu der Zeit, und sagte von demselben: Wie er ihn im Anfange seines Aufenthalts im Kloster noch zweimal besucht, was ihm großen Schrecken eingejagt. Er habe ihm viel Geld versprochen, wenn er ihm wieder dienen wolle; doch sei er bald wieder abgezogen, weil er zum öfteren das Kreuzeszeichen gegen ihn gemacht; was er auch jetzt noch öfters tue, damit er nicht wiederkehre. Er starb übrigens noch in demselben Jahre 1610, anfangs November, christlich unter der Obsorge der Klostergeistlichen.

Bewertung

Es sind hier zwei von Jugend auf verwahrloste, und im Hirtenleben vollends verwilderte Naturen, die zu Werwölfen geworden. Im einen, und wahrscheinlich auch im andern, liegt schon die Wolfsnatur verborgen; das shcwarzgallige, zur Grausamkeit neigende Temperament, die bis zum Stumpfsinn gehende Beschränkung aller höheren Geisteskräfte, das wilde Auge, die Lust am Menschenfleische, die Sympathie mit den Wölfen, und die Fertigkeit, auf allen Vieren zu gehen, deuten entschieden auf die Vorherrschaft einer wildreißenden, animalischen Anlage hin, die nur eines geringen Anstoßes von Außen bedurfte, um in den Werwolf umzuschlagen. Dieser Anstoß kam aber, und darin haben die Arzte im zweiten Falle keineswegs geirrt, nicht aus der Natur, sondern aus dem Willen; denn es ist der Herr vom Walde, der den Zustand zuerst herbeigeführt. Er ist aus der Huldigung, die in ihm dem Dämon geleistet worden, hervorgegangen, und der Huldigende wird durch den Kuß, der im ersten Falle von ihm gegeben, im andern empfangen wird, ihm in Dienstbarkeit zugewandt, und dem zum Symbol mit dem Mal bezeichnet. Der Dämon steht nun, als Objekt seines tierischen Sehens, mit Notwendigkeit in seinem Gesichtskreis, und zwar in der Form des schwarzen Gebieters, der seine Herde von Werwölfen in das Land entsendet, und den der eine unverwandt so lange bei sich sieht, als er im Zustande sich befindet, während der andere ihn wiederfindet, wenn er die vorige Gestalt wieder angenommen. Wie in solcher Weise im Sinnenrapport, so ist der Werwolf nun auch als Knecht des Waldherrn, der sein Roß ihm striegelt, auch im Willen dem seinigen unterwürfig und gebunden, und er treibt ihn hinaus zu Mord, Verderben und Kinderfraß. Aber Leben und Leben sind auch in dem kalten Kuß zueinander in Rapport gesetzt, und es ist dadurch dem Waldherrn möglich geworden, die Wolfsnatur im Diener zu jeder beliebigen Zeit aufzuregen, daß sie gegen die Menschennatur aufsteht, und sie während der Dauer des Zustandes niederhält. Es ist also ein dämonischer, mit Vorbedacht hervorgerufener Verkehr der sich hier zwischen beiden eröffnet hat; ohne darum die gleichzeitig mit eintretende Krankhaftigkeit, in der dieser Zustand physisch und vital allerdings wurzelt, auszuschließen. Diese Doppelartigkeit der Affektion zeigt sich eben daran, daß während das Laufen einerseits, als lunatische Krankheit, im abnehmenden Mond geschieht, und an die Tageszeir sich bindet, es andererseits, in seiner dämonischen Natur, gegen das Kirchliche gerichtet, auch am Vorabend der Feste und an diesen selbst geschieht. Auch die Salbung in ihrer Wirkung, einerseits durch die Kräfte der in sie eingehenden Stoffe, andererseits durch den Willensentschluß bedingt, zeigt solche Doppelnatur, und verknüpft daher die Krankheit mit der Bosheit. Die Salbe ist zweiartig: der Gebrauch der einen entkettet die Wolfsnatur mit allen ihren Trieben, und der Gesalbte erscheint sich selbst in Wolfsgestalt, der Lauf beginnt mit wilder Gewalt, andere Wölfe, vom Instinkt getrieben, gesellen dem Laufenden sich bei, und teilen sich mit ihm in die Beute. Die andere bindet wieder das losgekettete Tier, und der wiederhergestellte Mensch findet sich matt und müde, mit blutigen Extremitäten wieder. Die GemeinschaR mit dem Waldherrn, und der Gebrauch der Salbe ist aber eine traditionelle Sache.
Es besteht schon eine Genossenschaft, in die der Neuling sich aufgenommen findet, ein früher ihr Angehöriger führt ihn in dieselbe ein, ein solcher, in dem der Zustand schon habituell geworden und der daher der Salbe kaum bedarf. Sie würgen aber auch diese Werwölfe, und da entsteht die Frage: ob bloß im Gesichte, oder in der Wirklichkeit? Im ersten Falle ist die Coinzidenz ihres Laufens mit den Erwürgungen gerichtlich nicht ausgemittelt worden; im zweiten aber ist es mit Sorgfalt geschehen, und das Resultat spricht entscheidend für dies Zusammentreffen, das zu oft wiedergekehrt, als daß man es dem Zufalle zuschreiben könnte. Grenier lief also wirklich, nicht bloß in der Einbildung, das bewiesen die schwarzen, klauenartigen Nägel, die abgeschliffenen Zähne, der Appetit nach Menschenfleisch noch sieben Jahre hernach, als er längst zu laufen aufgehört. Er fiel auch wirklich die bezeichneten Kinder in Wolfsgestalt an, dafür zeugen die Aussagen der Angegriffenen, und mehr noch derjenigen, die herzugekommen, und von denen man voraussetzen muß, daß sie einen Wolf von einem Menschen zu unterscheiden wußten. Die andere Frage wird also sein: wie die unleugbare Sache zu erklären? und da möchte das mit dem Fernsehen verbundene Fernwirken sich als die zunächstliegende Erklärung bieten, eine Erklärung, die indessen durch die Akten weder gerechtfertigt noch auch abgewiesen wird. Um sie nämlich tatsächlich zu begründen, müßte eine Beobachtung vorliegen: wo man ihn in den Zustand eintreten, und fortdauernd als Mensch zur Stelle bleibend, zugleich aber anderwärts als Werwolf gesehen, eine solche Erfahrung ist aber hier in keiner Weise gegeben. Es wird also sicherer sein, vor der Hand die Wolfshaut, von der er beständig bis zuletzt geredet, ob sie sich gleich nicht vorgefunden, als dabei mitwirkend anzunehmen. Er war als Jüngling kleiner Statur, als Knabe in seiner Verkümmerung wahrscheinlich noch zwerghafter, und bei seinem Geschick, auf Vieren zu laufen, mochte eine umgenommene Wolfshaut ihm leicht das Ansehen eines Wolfes geben; um so mehr, da die Wut des Anfalls und der Schrecken der Angefallenen allzu scharf zuzuschauen nicht erlaubten. Die Art dieses Anfalls, minder mit den Tatzen als mit den Zähnen, und das Ausziehen der Kleider, die abfielen, ohne daß die Entkleideten wußten, wie ihnen geschah, verleugnen nicht den Menschen, der seiner Hände sich bedient. Es kommen auch wirklich im Prozesse eines andern Werwolfs Zeugenaussagen vor, daß man Hände und Füße, nach Menschenart, an ihm zu erkennen geglaubt. Der äußeren Form entsprechend war dann die innen in Wut aufgeregte Wolfsnatur, und es war der Dämon, der dieser ekstatischen Wütenden, als seines Werkzeugs zum Böseswirken, sich bediente. So führt das Hinnehmen der Tatsachen und das scharfe Zusehen hier wie überall auf die Spur der rechten Wahrheit; während das unbedingte Verneinen sich selbst um sie betrügt, die allzugroße Leichtgläubigkeit aber nur eine durch Irrtum verfälschte gewinnt.

Es liegen indessen auch andere Beispiele vor, worin das Wolfslaufen wieder mit der Sabbatsvision zusammenfällt. Ein wolfssüchtiges Weib salbt sich mit ihrer Salbe Kopf, Hals, Achseln und andere Glieder, in Anwesenheit des Magistrates ihres Ortes, der ihr das Leben zugesagt, wenn sie eine Probe ihrer Kunst vor ihm ablege. Sie fällt nieder, und wird von einem tiefen Schlaf befallen. Nach dreien Stunden erwacht sie gäh ling wieder, steht auf, und befragt: wo sie gewesen unterdessen! erwidert sie: wie sie, in einen Wolf verwandelt, nahe bei einer etlichen Meilen von da entlegenen Stadt, erst ein Schaf und dann eine Kuh zerrissen. Man hält nun Nachfrage an diesem Orte, und vernimmt: daß ein solcher Schade wirklich unter der dortigen Herde geschehen. (1) Lerchheimer seinerseits erzählt: Ich bin einmal mit einem Kirchendiener, meinem guten Freunde, in eines Landvogts Haus gegangen, der einen Werwolf, wie man solche Leute nennt, gefangen hielt. Den ließ er für uns kommen, daß wir Gespräch mit ihm hielten, und uns erkundigten, was es doch für ein Handel mit den Leuten wäre. Der Mensch gebärdete sich wie ein Unsinniger, lachte, hüpfte, als wenn er nicht aus einem Turme, sondern von einem Wohlleben käme. Bekannte neben vielem andern teufelischen Betrug und Gespenst: daß er am Ostertag nachts daheim bei seinem Gesind wär gewesen in Wolfsgestalt; welches Ort mehr dann zwanzig Meil von dannen war, und ein Fluß dazwischen, zweimal so breit als der Rhein für Köln. Wir fragten: Wie kamst du über's Wasser? Ich flog darüber. Wie kamst du aus dem Gefängnis? Ich zog die Füße aus dem Stocke, und flog zum Fenster hinaus. Was tatest du bei den Deinen! Ich ging umher und besah, wie sie lagen und schliefen. Warum kehrtest du wieder ins Gefängnis? Ich mußt wohl, mein Meister wollt es so haben. Rühmte darauf seinen Meister sehr. Da wir ihm sagten: das wäre ein böser Meister, sprach er: Könnt ihr mir einen besseren geben, den will ich annehmen. Er wußt von Gott so viel als ein Wolf. Es war ein erbärmliches Ding, den Menschen anzusehen und zu hören. Wir baten und erhieltens, daß er los ward, sonst hätte er müssen brennen. Gott bessere solche Gerichte (2).

So ist es um diese Verzerrung der menschlichen Natur beschaffen, die in den angeführten Beispielen schon abscheulich genug, den Gipfel der Scheußlichkeit in jenem Peter Stumpf erreicht, der gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts in Bibburg, in der kölnischen Diözese, hingerichtet wurde. Er hatte nach den Akten mehr als sechzehn Jahre mit einer Succube zugehalten, und von ihr einen breiten Gürtel zum Geschenk erhalten, der, wenn er ihn anlegte, die Wirkung hatte, daß er sich und andern ein Wolf zu sein schien. In dieser Gestalt hatte er nacheinander fünfzehn Knaben erwürgt, und ihr Gehirn gefressen, auch zwei seiner Schwiegertöchter wurden von ihm angefallen, um sie zu seinem Fraß zu machen, während er seine eigene Stiefmutter und Tochter als Beischläferinnen sich beigelegt (3).
Wir haben eben gesehen, und Boguet bestätigt es: wie auch Beispiele von Frauen vorgekommen, die als Wölfinnen gelaufen; indessen begreift sich leicht, daß die Anlage im furchtsameren Geshlechte keineswegs nach dieser Seite hinüberneigt, und daß es daher lieber seiner Natur angemessenere Tiertypen zu seiner Metamorphose wählt. Da bietet sich denn zunächst die Katze, dies scheue, zaghafte, tückische Geschlecht, das mit glühendem Auge die Nacht durchschleichend, von Zeit zu Zeit mit seinem hexenhaften Gesange sie durchheult, der Einbildungskraft dar, und so dürfen wir uns denn nicht verwundern, wenn wir dieser Tierform so häufig im Hexenwesen begegnen. So bekennen bei Remy (4) viele der wegen Zauberei Verhafteten einhellig: daß, wenn sie mehrere Jahre dem Dämon treulich gedient, er ihnen die Gewalt gebe, in Gestalt von Katzen oder auch von Mäusen, Heuschrecken u.s.w. durch enge Löcher in eines andern Haus zu schlüpfen. Dort angekommen, nähmen sie dann ihre Gestalt wieder an, und führten nun aus, was sie sich vorgenommen; wozu auch Totschläge gehören, hier aber an Erwachsenen durh Gift geübt, und nur an Kindern durch offene Gewalt, wie denn Barbelina Ragel gestand, in Katzengestalt ein Kind, es zwischen den Pfoten fassend, getötet zu haben.

Es kann, die Wahrheit der Tatsache vorausgesetzt, von einer wirklichen Umbildung der Leiblichkeit so wenig hier, wie bei den Werwölfen die Rede sein, die Katzennatur, die im Leben herrschend geworden, herrscht auch in den Sinnen und im Selbstgefühl, daß sie sich als Katzen schauen, und dem gemäß auch als Katzen wirken, aber schauend wie wirkend, weil nach der negativen Seite hin gesteigert, in die Ferne des Raumes übergreifen, oder auch die Tat nur in der Intention vollführen. So sind es, nach Verschiedenheit des Bedürfnisses, auch andere Tierformen, in die sich der dämonisierte und darum innerlich deprimierte Mensch versetzt: eine Art von Seelenwanderung, in der das degradierte Selbstbewußtsein, nach und nach absteigend, alle Momente der tierischen Schöpfung durchwandert, die der Mensch, als Herr dieser Schöpfung, gebunden und verborgen in sich beschließt, und die alle umeinander, wenn er, statt sie zu beherrschen, sich von ihnen beherrschen Iäßt, in ihm erwachen, und dann ihn in ihre Art umbildend, das Regiment in ihm führen. Der Mensch kann also, niedersteigend im Geiste, zu verschiedenen Zeiten alle diese verschiedenen Tierlarven durchwandern. Das Leibliche wird freilich dabei in seiner stehenden Gewalt beharren, aber es wird, von dem der Larve eigentümlichen tierischen Trieb bemeistert und getrieben, eben darum auch die herrschende Physionomie derselben in sich ausprägen. Ein Mensch, der auf solche Weise proteusartig durch alle diese Formen durchgelaufen, und sie mimisch ausgedrückt, hat in ihnen dann seine in Einheit nach Unten gebundene Persönlichkeit entbunden, daß sie in ihre Elemente auseinandergefallen, und so ist er selbst zu einer Art von Tiersabbat geworden, in die Zeit ausgebreitet, in dem alle diese Gestalten, in der Einheit der Persönlichkeit fortdauernd zusammengehalten, sich sukzessiv aneinanderdrängen, und seinen Namen in Tierhieroglyphen aussprechen. Diese visionäre Metamorphose bleibt nun ihrem Wesen nach im innerlichen Lebenskreise beschlossen, weil keine reale Metempsychose, durch alle Tierleiber hindurch, für den Menschen besteht.

Quelle: Joseph von Görres, Die christliche Mystik, Regensburg