Die Millenium-Epidemie
von: Aaron Lynch, aus dem Englischen übersetzt von: Florian Rötzer
Das Jahr-2000-Problem benötigt nicht nur technische, sondern mentale Lösungen. Das Jahr-2000- oder Y2K-Problem ist wirklich ein riesiges, vielfältiges Durcheinander an Problemen, das vermutlich zu verschiedenen Störungen bei der Elektrizität, der Telekommunikation, dem Transport und den geschäftlichen Transaktionen führen wird. Es stammt, bekannt als "millenium bug" (bug = Programmfehler, Wanze), aus der Jahrzehnte alten Praxis, das Datum in einer abgekürzten Form von zwei anstatt vier Stellen zu speichern. Dieses Problem betrifft nicht nur große Datenbanken, sondern auch eine überraschende Reihe von Kontrollsystemen in der Infrastruktur.
Elektrizitätswerke
setzten früher beispielsweise analoge Methoden für die Messung ein, wie
schnell eine bestimmte Spannung von Sekunde zu Sekunde steigt oder fällt. Dann
brachte die digitale Elektronik eine leistungsfähigere Methode:
"eingebettete" Chips speichern in das digitale Gedächtnis jetzt eine
Geschichte der gemessenen Spannung ab. Um zu sehen, wie schnell die Spannung
ansteigt, zieht man eine Ablesung von der anderen ab und teilt das Ergebnis
durch das Zeitintervall. Aber um das zu können, muß man auch die Zeit
speichern, in der die Ablesung erfolgt. Um sicherzustellen, daß 23:59:59 am
einen Tag nicht von 00:00:01 des anderen Tages abgezogen wird, werden zusätzliche
Zahlen für den Tag, das Jahr und das Jahrzehnt eingeführt. Leider dachte man
nicht an zusätzliche Zahlen für das Jahrhundert - und Elektrizitätswerke sind
nur ein Teil der gewaltigen Zahl von Organisationen, die digitale Kontrollen
verwenden. Daher werden
Solche Probleme würden einen unerträglichen Schaden verursachen, wenn man sie völlig übersieht. Daher gibt man in der Welt Hunderte von Milliarden Dollar aus, um die Daten und die Software neu zu codieren, die Daten verarbeitet. Finanziell gesehen ist das, als müßte die gesamte Computer- und Softwareindustrie für ein Jahr aufhören zu arbeiten und etwas anderes machen. Das Projekt ist so groß, daß niemand alle Einzelheiten kennt. Selbst nach der Durchführung wird es Organisationen geben, die nicht rechtzeitig handeln, weil einige Manager "technologisch infragegestellt" sind und sich weigern, ein kleines verrücktes elektronisches Problem zu erkennen. Der Fluß ihrer Produkte und Dienste wird in den ersten Monaten des Jahres 2000 ins Stocken geraten. In vielen Fällen werden sie Prozesse mit falschen Daten und frei erfundene Arbeitsmethoden mit Systemen, die korrekte Daten verwenden, neu starten müssen. Die Folge könnte der Mühe gleichen, sich aus einem Schneesturm im Januar auszugraben, wobei dieser allerdings die ganze industrialisierte Welt trifft und manchen Orten stärker ist als an anderen. Wie bei einem Schneesturm können einzelne Vorbereitungen von Nutzen sein. Doch dem technischen Problem müssen sich Experten aus zahlreichen Bereichen der Software und der digitalen Elektronik schnell und sorgfältig zuwenden. Das ist, einfach dargestellt, der "Millenium bug". Er ist wirklich ein "Jahrhundertbug", und beim Eintritt ins 21. Jahrhundert wird man sich ihm stellen müssen. Wenn unsere ganze Transistortechnik 100 Jahre früher erfunden worden wäre, dann hätte es das Problem im Jahr 1900 und nicht 2000 gegeben. Aber es gibt einen "bug", der wirklich mit den Jahrtausendwenden zu tun hat. Man findet ihn nicht zwischen Transistoren und Datenbanken für Löhne, zwischen ROM-Speichern oder alten Vakuumröhren, sondern in den Köpfen der Menschen. Er entsteht aus dem Mangel in unserem System, Informationen mit anderen zu teilen. Das ist die Millenium-Epidemie - die Millenium-Gedankeninfektion.
Was
sind Gedankeninfektionen?
Denkepidemien ähneln in einer entscheidenden Hinsicht Computerviren: sie "programmieren" ihre eigene Weitersendung. Solche Überzeugungen sichern durch ihre großen Folgen auf unsere Lebensweise ihre Selbstverbreitung, indem sie zu missionarischen Aktivitäten, vielen Kindern, auffälliger Prävention und Unterdrückung der Konkurenz antreibt. Überzeugungen, die sich diese Leistungen der Menschen am besten zunutze machen, neigen dazu, die "schwächeren" Varianten abzudrängen. Denkepidemien, die sich wie Lebewesen durch die Evolution mittels natürlicher Selektion entwickeln, wetteifern um einen immer stärkeren Einfluß auf das Leben der Menschen. Die Ähnlichkeiten mit der biologischen Evolution ließen den Zoologen Richard Dawkins das Wort "Mem" (meme) prägen, das sich im englischen auf "dream" reimt, um eine gen- oder virenähnliche Kultureinheit zu bezeichnen. Bestimmte Meme leiten eine Weitersendung besser herbei als andere, wodurch sie sich weiter verbreiten. Andere bringen ihre Anhänger dazu, mehr Kinder zu haben, oder veranlassen die Kinder zu einer besseren Imitation. Manche Überzeugungen führen dazu, daß ihre Anhänger ihre Freunde überreden, während wieder andere sich dagegen auflehnen, ausgeschlossen zu werden. Memansteckungen sind besonders stark im Bereich der Religion, der Sexualität, der Reproduktion, des Familienlebens und der Gesundheit und reichen tief hinab in unser persönliches Leben. Während der Ausbreitung beeinflussen Meme stark die Informationsgesundheit einer Gesellschaft. Eine zunehmend robuster werdende Theorie mit dem Namen Memetik geht davon aus, daß die Memansteckung in mathematischen und symbolischen Begriffen ausgedrückt werden kann, die nicht von genetischen oder viralen Metaphern abhängen. Ein klassisches Beispiel für eine Memansteckung kommt aus dem Christentum, das einen großen Komplex an Memen besitzt, die Anhänger dazu motivieren, den Glauben zu verbreiten. Die Vorstellung, daß Ungläubige in die Hölle kommen werden, bringt den Christen dazu, seinen Glauben an all jene, um die er sich kümmert, zu vermitteln. Diese Vorstellung verbreitet sich in Kombination mit anderen Glaubensvorstellungen schneller. Beispielsweise motiviert das mit dem "Liebe Deinen Nächsten"-Mem kombinierte Höllemem die Glaubenden dazu, alle Ungläubigen und nicht nur Freunde und die Familie zum Christentum zu bekehren. Die memetische Evolution "kümmert" sich nicht darum, ob sie eine negative Vorstellung wie die der Hölle mit einem gesellschaftlich positiven Mem wie dem der Nächstenliebe zusammenbringt. Für die memetische Evolution zählen lediglich die Verhaltenskonsequenzen: mehr Konvertierte pro Wirt und Jahr als die konkurrierenden paganen und jüdischen Religionen gewonnen. Verbunden mit einer dritten Überzeugung, daß "das Ende nahe ist", verbreitet sich die Ansteckung sogar noch schneller, indem Anhängern gesagt wird, daß die zur "Rettung" von Freunden und Geliebten verfügbare Zeit ausgeht. Viele missionarische Sekten glauben, daß das Ende nahe ist, und sie sind die am schnellsten wachsenden Varianten des Christentums in der Gegenwart. Auch die alten Christen waren davon überzeugt, daß das Ende sehr schnell kommen wird, und diese Vorstellung half der Christenheit, die Verbreitung der paganen und jüdischen Religion zu behindern. Nachdem Europa christianisiert war, gab es für diesen Glauben keinen großen Fortpflanzungsvorteil mehr, da dem missionarischen Eifer nicht mehr so viele Orte neben den bereits bekehrten offenstanden. Die Hauptmethode, den Glauben zu verbreiten, lag daher in der Aufzucht von Kindern, weswegen die memetische Evolution Fruchtbarkeitslehren wie der römisch-katholischen Kirche begünstigte. Doch noch immer brachen manchmal missionarische Meme aus, deren Bestandteil die Vorstellung war, daß das Ende nahe ist. Dazu gehört etwa die Epidemie von apokalyptischen Memen, die mit dem Jahr 1000 zusammenhingen. Dabei spielte das Buch der Offenbarung eine Rolle, da hier eine Endzeit von 1000 Jahren prophezeit wurde. Diese und weitere Epidemien des apokalyptischen Denkens wurden durch die Tatsache beschränkt, daß die Welt einfach nicht gemäß dem Zeitplan ihr Ende fand. Daher waren die überlebensfähigsten Varianten apokalyptischer Meme, die sich über Generationen hinweg fortpflanzen konnten, diejenigen, die sagten, daß das Ende zwar nahe sei, aber es kein genaues Datum dafür gäbe. Das hält den Dringlichkeitsmechanismus weitgehend intakt, aber schützt vor den Ausfällen, die sich einstellen, wenn ein genau vorhergesagter Weltuntergang nicht eintritt.
Während
wir uns dem Jahr 2000 nähern, verbreitet sich eine säkulare Version der
Verbindung der Hölle mit dem Weltuntergang durch sehr ähnliche
Ansteckungsmechanismen: die Ansteckungspanik, die um das Y2K-Problem kreist.
Vorhersagen, daß alle Arten von lebensnotwendigen Systemen einen
unwiederherstellbaren und katastrophalen Schaden erleiden werden, kamen von
vielen unqualifizierten Quellen. Wie bei den Religionen motivieren die
Vorstellungen, die die "Hölle auf Erden" enthalten, am stärksten die
Verbreitung. Viele glauben jetzt beispielsweise, daß die Versorgungssysteme für
Elektrizität, Trinkwasser und Erdgas unweigerlich zusammenbrechen werden, und
daß der Kauf von Lebensmitteln wegen eines totalen Zusammenbruchs des
Bankensystems unmöglich wird. Flugzeuge werden vom Himmel stürzen.
Nuklearwaffen werden Schlag 24 Uhr abgeschossen werden. Und wenn die Raketen
nicht fliegen, dann wird das finanzielle Chaos noch immer zu einer
Hungerkatastrophe und zu Aufständen führen, die Lebensmitteln fordern. Und so
weiter.
Bei
jenen, die die schlimmsten Vorhersagen glauben, gibt es die tiefe Angst, daß
die Zeit knapp wird, da sie davon ausgehen, daß die Katastrophe sofort nach dem
Jahr 1999 beginnt. Das Überleben hängt folglich von der Evakuierung der Städte,
der Hortung von Lebensmitteln oder dem Aufbohren von Trinkwasserquellen ab. Aber
zuerst muß man an den Y2K-Kataklysmus glauben, um gerettet zu werden. Wie bei
den religiösen "Endzeit"-Memen bringen die weltlichen Stränge die
Glaubenden dazu, ihre Freunde und Familienangehörigen zu retten. Daher
verbreiten die Anhänger der Jahrtausend-Apokalypse dringlich die schlechten
Nachrichten über das, was uns im Januar 2000 erwartet. Wer glaubt, daß das
Alltagsleben weitergehen wird, ist hingegen nicht davon getrieben, loszuziehen
und jedem davon zu berichten. Eine spezielle Formulierung hilft den weltlichen
Kassandras ihre Botschaft von der der religiösen Prediger zu unterscheiden:
"das Ende der Welt, wie wir sie kennen" wurde zum Akronym TEOTWAWKI.
Weil sie sich mit dieser Vorstellung vom religiösen Denken unterscheiden, sind
deren Anhänger motiviert, sie an jeden von Atheisten bis zu den bereits an die
durch Gott bewirkte "Endzeit" Glaubenden weiter zu geben. Dies größere
Reservoir an Empfängern läßt die Botschaft schneller zirkulieren. Wenn jemand
einmal die Y2K-Vorstellung von der "Hölle auf Erden" aufgenommen hat,
dann schützt sich das Mem selbst dadurch, daß es die Menschen abhält, sich
davon zu lösen. Wie bei der religiösen Androhung von Feuer und Schwefel für
diejenigen, die vom Glauben abfallen, stellt der weltliche Glauben schreckliche
Dinge für diejenigen in Aussicht, die "irrtümlich" ihre Meinung ändern.
Dazu gehören Visionen vom ungern, von Gewalt und vom eigenen Tod sowie dem der
Familienangehörigen. Eine derartige Abschreckung vor dem Abfallen hilft dem
Glauben nicht nur, weiter zu bestehen, sondern sich auch zu verbreiten. Ein
andauernder Zustand des aktiven Glaubens wird öfter weiter vermittelt als ein
kurzfristiger Zustand aktiven Glaubens. Wenn
neue Menschen die "Hölle auf Erden"-Warnungen hören, kann das Mem
ihr Denken so verändern, daß es für die Botschaft selbst empfänglicher wird.
Wie bei den religiösen Höllememen verspricht das Y2K-Höllenmem großen Leiden
für einen unangebrachten Skeptizismus, während eine unangebrachte Leichtgläubigkeit
nur gering bestraft wird. Die apokalyptischen Meme der Hölle auf Erden bringen
drei entscheidende Ingredienzen einer großen Gedankeninfektion zusammen: hohe
Übertragungsraten, Empfänglichkeit bei potentiell Bekehrten und Langlebigkeit
des Glaubens bei Gläubigen.
Der
Glaube an den Weltuntergang ist auch lebendiger und emotional packender als der
nüchterne Glaube. Wenn die Menschen von einem lebhaften, emotional packenden
Mem infiziert werden, ist es schwer, nicht daran zu denken. Sie denken immer
wieder über es und all seine Verzweigungen nach. Und die Menschen neigen dazu,
über das zu sprechen, was sie denken, wenn es nicht zu privat ist. Daher
provozieren die lebhaften und packenden Meme mehr Gespräche als die nüchternen
und langweiligen. Wenn das Mem A seine Wirte dazu bringt, 60 Minuten wöchentlich
an es zu denken, und Mem B nur 6 Minuten, dann kann das allein 10 Mal mehr Übertragungen
des Mems A pro Woche bewirken. Die zusätzlichen Übertragungen werden dann wöchentlich
für eine extrem schnelle Ansteckung verbunden. Das ist die Wirkung, die Gerüchte
(urbane Legenden) nährt und den intensiven, packenden Charakter der gewöhnlichsten
Geschichten erklärt. Sie fügt sich der bereits bewirkten Ansteckung durch den
Höllen-Weltuntergang-Mechanismus hinzu. Die Wirkung wird überdies durch die
Tatsache verstärkt, daß Medienautoren und Journalisten eine Vorliebe für
bewegende und packende Stories haben. Fasr alle mögen wir eher spannende als
langweilige Stories berichten, weil wir die damit einhergehende zusätzliche
Aufmerksamkeit gewinnen wollen. Der einzige Unterschied zu Medienprofis ist, daß
sie für die von ihnen verursachte Aufmerksamkeit bezahlt werden. Wer
langweilige Hinweise erhält oder wessen Nachforschungen fade Wirklichkeiten
aufdecken, wird etwas Besseres zu tun haben, als daraus eine Story zu machen.
Wer jedoch auf alarmierende oder sensationelle Nachrichten stößt, der weiß
auch, daß er vermarktbare Informationen in Händen hält. Während Autoren und
Journalisten voneinander Meme erhalten, erzeugt sich der Effekt einer
Herstellung von zunehmender Intensität in Medienberichten von Skandalen in Königshäusern
bis hin zu urbanen Legenden selbst. Ernste Themen wie Y2K werden durch diesen
Prozeß oft verzerrt.
Auch
wer sich bewußt beim Schreiben von Sensationsartikeln zurückhält, kann
unwillentlich extreme Ideen über Y2K verbreiten. Es kostet einfach weniger Zeit
und Anstrengung, den schlimmsten Fall von Y2K zu erklären, als darzulegen,
warum dieser oft nicht eintreten kann. Das kann unbeabsichtigt die Hörer und
Leser davon überzeugen, daß alles Digitale um Mitternacht gestört werden
wird. Bei den digitalen Methoden der Messung beispielsweise, wie schnell die
Stromspannung ansteigt, benötigen viele Subsysteme überhaupt keine
Datumsangaben. Programmierer müssen lediglich eine digitale Liste der letzten
1000 Ablesungen schaffen. Die Uhr im Takt von Mikrosekunden arbeitet dann
zwischen den Ablesungen. Die Zeitdifferenz zwischen zwei Ablesungen ist dann die
Gesamtsumme der Uhrtakte. Doch solche technischen Einzelheiten sind
Zusammen
mit dem allgemeinen Apokalypsemem gibt es viele kleine Meme, die die
Y2K-Gedankeninfektion unterstützen. Man kann sich sie als
"eingebettete" Ansteckungen vorstellen, wobei es von diesen mehr gibt,
als man annehmen möchte. Nehmen wir an, drei Menschen denken beispielsweise über
die russischen Atombomben nach. Einer kommt zu dem Schluß, daß das
Datumsproblem die Flotte der ballistischen Geschoße lahmlegen wird, so daß
keine Rakete starten kann. Der zweite meint, daß alles so bleibt, wie es war,
und daß die Computerfehler nicht den Start der Raketen ohne Menschen, die den
roten Knopf drücken, auslösen können. Und der dritte stellt sich vor, daß
die Computer sich bei der Zeitangabe 00 sich aufteilen, was zu einem Irrtum führt.
Die dritte Person glaubt, daß das Programm keine Haltebefehl erhält und nicht
zusammenbricht, sondern weiter läuft und eine seiner kompliziertesten Aufgaben
löst: die Raketen auszurichten und abzuschießen. Die beiden ersten Menschen
haben ein besseres Verständnis von der Funktionsweise von Raketensystemen, während
die dritte Person keine Ahnung davon hat. Aber sie hat eine packendere und
bewegendere Idee und denkt über sie öfter nach als die beiden anderen. Daher
wird sie ihren Gedanken öfter anderen Menschen mitteilen. Letztlich wird sie zu
dem Schluß kommen, die Menschen warnen zu müssen, daß sie die Städte
verlassen sollen, um eine schreckliche nukleare Hölle zu vermeiden.
Eine weitere "eingebettete" Gedankeninfektion ist die
Vorstellung, daß die Zivilisation zu einem Ende kommt, wenn die Stromversorgung
zusammenbricht.
Tatsächlichen
kam es zu Plünderungen während des großen Stromausfalls in Notheast in den späten
60er Jahren. Und das neu geschaffene Wort "Infrastruktur" setzt
stillschweigend voraus, daß die Gesellschaft ohne das Stromnetz zusammenbrechen
werde. Doch die Militärgeschichte zeigt, wie schwer es ist, eine Zivilisation
durch eine gleichzeitige Bombardierung der gesamten Infrastruktur lahmzulegen:
Elektrizität, Telefon, Eisenbahnen, Straßen, Brücken, Flughäfen, Öl-und
Gaspipelines, Häfen etc. Der irakische Staat brach beispielsweise trotz der
schrecklichen Bombardierung im Jahr 1991 sowie den internationalen Embargos und
den schweren Verlust in Kuweit nicht zusammen. Zivilisationen sind viel
widerstandsfähiger als ihre öffentlichen Dienste. Aber wer denkt, daß das
"Ende" durch einen Stromausfall kommt, wird sich eher um die
Verbreitung seiner Vorstellungen kümmern als derjenige, der weiß, daß
Gesellschaften sich über alle Widrigkeiten hinweg retten können. Für die
wichtigen Institutionen, die bereits ihre Y2K-Probleme gelöst haben, gibt es
noch immer ein Mem-Problem. Wenn beispielsweise eine große Bank ankündigt, daß
sie ihre Informationssysteme für das Jahr 2000 aufgerüstet hat, werden die
zynischen Menschen das bezweifeln. Manche werden sagen, daß die Bank abwiegelt,
einen Fehler zu vertuschen sucht oder an einer Verschwörung teilnimmt. Solche
Vorstellungen sind einfach packender und erregender als die langweiligere
Vorstellung, daß die Bank im Jahr 2000 ganz normal arbeiten wird. Daher werden
sich die zynischen und konspirativen Meme über die Bank schneller in den
dezentralisierten Medien wie dem Internet verbreiten. Die konspirativen
Varianten sind überdies widerlegungsimmun. Es gibt weniger Tatsachen, die
solche Meme "vernichten" können, die im Bereich der Information
Bakterien gleichen, die gegenüber Antibiotika immun sind. Schließlich kann
einen der Versuch, eine Verschwörungstheorie zu widerlegen, zu einem Opfer oder
einem Anhänger werden lassen. Bei den vielen Menschen, die für das Verschwörungsdenken
empfänglich sind, können sich folglich die gegen viele Widerlegungen
resistenten Stränge des Bankapokalypse-Mems eher als die falsifizierbaren
Variationen verbreiten. Eine ähnliche Evolution zu Versionen, die gegenüber
vielen Einsprüchen immun sind, gibt es auch bei dem überall verbreiteten
Apokalpyse-Mem und läßt öffentliche Probleme nicht nur bei einer Bank
entstehen. Resistenz gegenüber Widerlegungen entsteht auch aus der Meinung,
jeden, der nicht an die drohende Katastrophe glaubt, als "Pollyanna"
zu betrachten. Wer gelernt hat, dieses Wort automatisch auf alle anzuwenden, die
die Apokalypse bezweifeln, neigen dazu, ihren Glauben und ihre Angst vor dem
Notfall länger zu behalten, wodurch sich die Stränge des Apokalypsegedankens,
die Ungläubige als "Pollyannas" etikettieren, schneller verbreiten.
Folglich wurde das Wort "Pollyanna" in apokalyptischen
Y2K-Diskussionen ungewöhnlich häufig gebraucht.
Auch die "Experten" werden angesteckt
Selbst
die Online Technologieforen lassen die Auswirkungen der Gedankeninfektion sehen.
Wenn ein Ingenieur eine Lösung für ein entscheidendes Problem kennt, wird er
nur sorgfältig daran arbeiten und vielleicht die Lösung mit einer neuen
Beratungsfirma an Unternehmen verkaufen. Doch wenn jemand anders eilig zu der
irrigen Meinung gelangt, es gäbe für dieses Problem keine Lösung, so mag er
sich genötigt finden, im öffentlichen Forum andere zu warnen. Andere sehen
sich vielleicht dazu aufgefordert, Probleme der Öffentlichkeit mitzuteilen, die
es gar nicht gibt. Sie könnten beispielsweise glauben, daß die heutigen Autos
Datumsangaben in den Computern für die Zeitgebung des Motors enthalten und verkünden,
daß diese Autos plötzlich stehenbleiben werden, wenn es Mitternacht ist. Da öffentliche
Internetforen für Postings von Nicht-Experten offenstehen, gibt es viele
falsche Meinungen, die eine Weitervermittlung stark motivieren. So können sogar
die "High-Tech"-Foren zu einem Infektionsherd von Informationsviren
werden. Es überrascht nicht, daß manche, die das Ende der Welt ankündigen,
auch Experten in technischen Bereichen wie der Computerprogrammierung sind.
Menschen in vielen Berufen neigen dazu, ihre Arbeit in der Gesellschaft als die
wichtigste oder fast die wichtigste zu betrachten. Menschen entscheiden sich
auch mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einem Beruf, wenn sie ihn als bereits
extrem wichtig erachten. Programmierer und Elektroingenieure sind keine
Ausnahme. Das kann sie für Vorstellungen sehr empfänglich werden lassen, daß
Gesellschaften zusammenbrechen, wenn Störungen viele ihrer Produkte betreffen.
Normalerweise scharf Denkende können so gegenüber außergewöhnlichen
Behauptungen über Y2K ziemlich unkritisch werden. Wenn sie einmal solche
Behauptungen akzeptieren, kann sie der gleiche professionelle Stolz zum
Verbreiten dieser Vorstellungen führen. Wenn man sagt, daß der Welt das Ende
durch Störungen in der Produktlinie eines Berufes droht, dann sagt man damit
unbewußt: "Mein Beruf ist wesentlich für die Gesellschaft!" Die
Gedankeninfektion verstärkt sich aber auch selbst. Wenn Techniker das
TEOTWAWKI-Mem äußern, wird es für andere Techniker glaubwürdiger. Auch wenn
sie unter ihren Kollegen eine Minderheit bleiben, helfen sie, das Mem an jene
Menschen zu verbreiten, die Techniker automatisch als "Experten" für
Das Ende ist nahe
Wenn
man viel in ein Mem investiert, läßt es sich normalerweise kaum mehr
loswerden. Menschen, die so weit gegangen sind, daß sie umgezogen sind,
Grundbesitz verkauft oder Lebensmittel gehortet haben, können nur noch mit Mühe
die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß das alles gar nicht notwendig war.
Dadurch können sich die Meme besser verbreiten und lassen den Wirt länger
ansteckend sein. Für viele wird eine Heilung nicht vor dem Jahr 2000 geschehen.
Und auch wenn es in diesem Jahr zu keinen Katastrophen kommt, werden einige
weiterhin an die Klugheit ihrer Handlungen als Entscheidung glauben, besser
sicher gegangen zu sein, als nachher jammern zu müssen. Wer die schlimmsten
Warnungen verkündet hat, wird sogar Kredite aufnehmen, um die Krise zu
propagieren, indem er träge Organisationen zum Handeln zwingt. Gelegentlich
werden schlimme Prophezeiungen erfolgreich sein und träge Bürokratien zur
Aktion antreiben. Manchmal werden sie die Arbeit stören und wichtige
Angestellten dazu bringen, ihre Jobs zu verlassen und in weit entfernte Hütten
zu ziehen. Apokalpytische Warnungen bringen auch manche Manager zu dem Gedanken,
daß sie keinen Grund haben, falls die Mitteilung wahr ist, sich selbst und die
eigene Organisation zur Arbeit anzutreiben, weil diese in einer zerstörten
Zivilisation keine Bedeutung mehr hat. Natürlich macht dies Y2K schlimmer und
nicht besser. Die schlimmsten Warnungen können bei Manager auch den Eindruck
erwecken, daß alles nur ein Hype und Hysterie ist. Irrationale Einstellungen
zum Y2K-Problem können, anders formuliert, als gedanklich "geschwächte
Varianten" fungieren und bestimmte Menschen gegen den Gedanken
immunisieren, daß es überhaupt etwas zu tun gäbe. Gegenüber den in Panik
Verstrickten gleichen diese seltenen
Die
wichtigste Maßnahme, um solchen Probleme vorzubeugen, besteht darin, sich schon
lange vor dem 31. Dezember 1999 der Ausbreitung dieser destruktiven
Apokalypse-Meme entgegenzustellen. Man kann zum Beispiel den noch nicht
Angesteckten die virale Natur solcher Meme begreiflich machen, um sie gegen die
Panik zu immunisieren. Wer bereits an den Kataklysmus zur Jahrtausendwende
glaubt, wird nur schwer zu bewegen sein, seine Meinung zu ändern. Wenn man sie
auffordert, ihre Meinung zu ändern, bedeutet dies aus ihrer Perspektive, sie
aufzufordern, ihr Leben und das Leben ihrer Familienangehörigen zu riskieren.
Viele werden auch Vorstellungen haben, die gegen viele Einwände resistent sind,
und sie werden viel in diese investiert haben. Bei diesen wäre es vielleicht
effektiver, ihnen die Gedankeninfektion in der Absicht zu erklären, daß ihre
Aktivitäten zum Bekehren von anderen nachlassen. Eine Kombination von nützlichen
Informationen würde wohl am besten funktionieren. Man kann damit beginnen,
ihnen diesen Artikel zum Lesen zu geben. Um ihnen deutlich zu machen, daß das
Leben weitergehen wird, verweise man sie auf den Artikel <http://www.year2000.com/y2kgame.html>
von Peter de Jager, den weltweit am stärksten für die Lösungen des
Y2K-Problems eintritt. Um zu bestätigen, daß Gedankeninfektion wirklichen
geschehen können, und um die Milleniuminfektion in einen größeren Rahmen zu
stellen, verweise man sie auf das Buch "Thought Contagion".
Wir müssen alle erst zwei Mal über unsere Rolle als ansteckende Informationsträger nachdenken, bevor wir Spekulationen und Gerüchte ins Internet stellen oder über das Telefon weitergeben. Wenn eine Vorstellung, die Sie von jemandem aufgenommen haben, schwer beiseite zu stellen ist und Sie dazu nötigt, sie weiter zu erzählen, dann ist das ein guter Grund, eine Pause für eine Art der Grundlagenforschung einzulegen, ansonsten könnte Sie daran gehindert werden, am wirklichen Computerproblem zu arbeiten. Anderen zu sagen, daß sie Vorräte an Überlebensmitteln anlegen sollen, kann überdies zu eben jener Knappheit führen, die wir vermeiden wollen. Ihnen zu sagen, daß sie Geld und Wertpapier in Gold umtauschen sollen, könnte die Finanzmärkte stärker negativ beeinflussen als der am stärksten betroffene Computer. Vorhersagen über eine ausbrechende Anarchie könnten sogar einer latenten Kriminalität bei einigen Menschen zum Ausbruch verhelfen. Folglich haben wir also zwei Probleme: das Millenium-Problem bei den Computern und die Millenium-Gedankeninfektion des menschlichen Geistes. Wenn Sie ein Computerexperte oder verantwortlich für wirkliche Computerproblem sind, dann sollten Sie natürlich in Ihren Aktivitäten fortfahren. Lassen Sie Ihr klares Denken nicht durch Mitteilungen über das "Ende" stören. Allen anderen würde ich Folgendes vorschlagen: Anstatt Ihre Freunde vor dem Weltuntergang zu warnen, sollten Sie diese vor der Milleniuminfektion, vor der Millenium-Gedankeninfektion warnen. Machen wir alle elektronisch und geistig fähig, mit dem Jahr-2000-Problem fertigzuwerden!
Literatur:
Thought
Contagion: How Belief Spreads Through Society - The New Science of Memes. by
Aaron Lynch. Basic Books. A popular introductory book on thought contagion
theory, applying it to sex, politics, religion, health, and doomsday beliefs.
Opened the new Library of Congress classification for contagion social
psychology. You're Sick of the Game! Well Now That's a Shame <http://www.year2000.com/y2kgame.html>
by Peter de Jager, head of the Year 2000 Information Center <http://www.year2000.com/>
. The foremost pioneer in calling our attention to the Y2K problem counters the
"head for the hills" doomsayers. ~Units, Events, and Dynamics in
Memetic Evolution <http://www.mcs.net/aaron/memetheory.htm>
, by Aaron Lynch. A technical memetics journal article explaining the theory in
non-metaphoric terms using propagation diagrams and differential equations.
It's Y1K All Over Again <http://www.abcnews.com/sections/tech/FredMoody/moody64.html>
by Fred Moody. An ABC News article comparing Y2K myths with year 1000 myths.
Apocalypse Not <http://cgi.pathfinder.com/time/magazine/1998/dom/980615/technology_apocalyp
se.html>
by Chris O'Malley. A Time Magazine article explaining Y2K and why it will not be
the end of the world. Dealing With The Year 2000 Problem <http://www.erols.com/steve451/impact.htm>
. Leading Y2K consultant Steve Davis provides pages on many aspects of Y2K,
including On Doom and Gloom <http://www.DavisLogic.com/doom.htm>
, which explains the corrosive effects of apocalyptic thought on making real Y2K
progress. Weitere technische
Memthemen: The Internet Stocks Phenomenon. <http://www.mcs.net/aaron/isp.htm>
Explains the wild 1998 increases in the stock prices of Internet companies in
terms of the strong meme-spreading skills of net savvy investors.
Email
Thought Contagions. <http://www.mcs.net/aaron/contagion.htm>
Analyzes those "virus warnings" and other weird messages that
manipulate recipients to forward copies to everyone. Contains a debunking
letter.
Danksagungen:
My
thanks to Jan Hunt for asking me to analyze this topic, and for providing
valuable ideas and editorial comments along the way, to Curt Hicks for providing
further editorial help, and Ben Stadelmann for technical comments.
Populäre
Y2K-Websites:
Y2K
News Magazine <http://www.y2knews.com/>
Y2K Watch <http://y2kwatch.com/>
Yahoo - Year 2000 Problem <http://headlines.yahoo.com/Full_Coverage/Tech/Year_2000_Problem/>
Y2K Help <http://y2k.comco.org/>
Future, Doomsday, Year2000 <http://www.angelfire.com/or/truthfinder/>
Y2K - The Movie <http://www.nypost.com/entertainment/2036.htm>
, Artikel in der New York Post