Sveinbjoern Beinteinsson wurde am 4.7.1924 als Sohn des Bauern Beinteinn Einarsson aus Litlabotni am Hvaljar­arstroend und der Helga PÚtursdˇttir aus Drßghals im Svinadal geboren. Er starb am 24.12.1993 an Herzversagen.

1972 begruendete er die Asatr˙arfÚlag, die islaendische Heidengruppe, deren Allsherjargˇ­i er seit dieser Zeit war. Bis 1991 lebte Sveinbjoern auf seinem alten Hof in Drßghals im Bergmassiv Skardshei­i (90 km noerdlich von Reykjavik), wo sich auch eine 2 Meter hohe Thorsstatue befindet.


Gespraech mit Sveinbjoern Beinteinsson

gefuehrt von Gisela Graichen

entnommen dem Buch: "Die neuen Hexen" von G. Graichen

Der Text wurde elektronisch aufbereitet von

Igor Warneck

"Hier in Island ist das Heidentum eine ganz normale Sache. Ich habe mehr Angst zuzugeben, dass ich rauche als dass ich Heide bin. Meine Religion ist im Mai 1973 offiziell von der Regierung anerkannt worden.

Sie waren der Initiator?

Ja, schon in meiner Kindheit habe ich mich fuer die alten Goetter interessiert. Ich habe mir das Wissen aus den Sagas, der Edda und den alten Erzaehlungen herausgeholt. Gleich als ich lesen konnte, beschaeftigte ich mich mit den Sagas, und mit sechzehn brachte ich meine ersten Gedichte ueber die alten Goetter heraus.

 

Was sind Sie von Beruf?

 

Bauer, Schriftsteller und Dichter. Meine Vorfahren waren immer Bauern.

Sie leben hier alleine auf Ihrem Hof. Ist das nicht sehr einsam?

Oh nein, mein naechster Nachbar wohnt fuenf Kilometer entfernt. Ausserdem bin ich umgeben von Wesen, von Erdgeistern - huldrufolk.

 

Und wenn Sie krank sind?

 

Gehe ich hinaus in die Natur und hole mir Kraeuter, um mich wieder gesund zu machen.

 

Was schreiben Sie?

 

Werke ueber Islands Geschichte, Lieder Dichtungen. Ich habe auch ein

wissenschaftliches Buch ueber den Aufbau der altislaendischen Gedichte veroeffentlicht. Wir haben hier sehr komplizierte Gedichtformen.

 

Sind Sie christlich getauft?

 

Getauft, konfirmiert, alles. Ich habe immer echt lockere Verbindungen zum Christentum gehabt, wie es typisch fuer das islaendische Christentum ist.

 

Sind Sie noch in der Kirche?

 

Nein, man muss aus der Staatskirche austreten, bevor man bei uns aufgenommen wird. Wann kam Ihnen die Idee Ihren Glauben an die alten Goetter zu einer Bewegung zu machen? Im Winter 71/72. Da kamen in Island einige christliche Sekten auf, wie die "Kinder Jesu", und ich sagte mir, wir haben im Lande einen alten Glauben. Warum

sollen wir den nicht wieder ins Leben rufen? Wieso brauchen wir diese Sekten? Ich habe eine Gruppe von Leuten zusammengerufen, wir waren zwoelf zu Anfang, und bald kamen mehr dazu. Die Idee hat sofort einen guten Anklang gefunden. 

 

War das eine bewusste Gegenbewegung zu den Sekten? 

 

Ja, als Gegensatz dazu. Wir wollten den Menschen eine Wahlmoeglichkeit geben, indem wir ihnen die alte Religion anbieten. Die Religion, die es auf Island vor dem Christentum gab, die im Jahre 1000 verboten worden ist, als Island christianisiert wurde. 

 

War die alte Religion im Volk immer noch unterschwellig vorhanden? 

 

Absolut! Sie war all die Jahrhunderte vollkommen lebendig.  

 

Warum war sie dann 970 Jahre lang nur im Verborgenen lebendig und kommt jetzt erst wieder an die Oeffentlichkeit?  

 

Weil sie gesetzlich verboten war. Man praktizierte die alte Religion nur versteckt, weil man Angst vor der Kirche als staerkster Macht im Lande hatte. Island war bis 1550 katholisch. Dann kam die Reformation und damit die evangelische Staatskirche. Erst 1874 bekamen wir die Religionsfreiheit, und man konnte aus der Kirche austreten. Danach brauchten wir erst einmal Zeit, um die Luft sauber zu machen fuer unsere Aktion. 

 

Sie sagen, die alte Religion war auch nach dem Jahre 1000 im Volk lebendig. Wie aeusserte sich dieses Lebendigsein? 

 

Das einfache Volk hat immer an die Natur geglaubt, an Naturereignisse, an Wesen, die in der Natur leben wie Alfen, Kobolde und gute, positive Wesen, die die Menschen begleiten und ihnen helfen. Es koennen auch Verstorbene sein. Man weiss nicht, wo diese Wesen wohnen, man weiss nur, dass bestimmte Personen von ihnen umgeben sind.  

 

Nicht alle Menschen?  

 

Nein, nicht alle.  

 

Wonach suchen die Wesen sich denn ihre Menschen aus, die sie begleiten wollen?  

 

Warum es bestimmten Personen zufaellt, weiss man nicht. Es ist ein besonderes Glueck, wenn einem diese Unterstuetzung zuteil wird. Sie haben nichts mit den Heiligen zu tun, wie wir sie von der christlichen Kirche her kennen. 

 

Gibt es auf Ihrem Hof auch Geister?

 

Ich habe sie nie gesehen, aber ich spuere sie.

 

Wie nennen Sie sich, Heiden?

 

Wir nennen unsere Religion Asatr˙, den Glauben an die Asen, an die alten nordischen Goetter. Wir wollen uns nicht einfach Heiden nennen, weil es so viele verschiedene Arten von Heidentum gibt. Heide ist der Oberbegriff.

 

Wie haben Sie ihre offizielle Anerkennung als Religion durchgesetzt?

 

Wir haben keine Demonstrationen gemacht und keine Revolution angezettelt. Wir haben einen Verein gegruendet, den Verein der Menschen, die an die Asen glauben. In der Satzung steht sogar, dass es verboten ist zu missionieren. Man soll seinen eigenen Glauben nicht anderen aufzwingen. Die kommen von alleine, wenn sie soweit sind.

 

Wie war die amtliche Reaktion auf ihre Vereinseintragung?

 

Zuerst kam Skepsis. Ich musste zum Justizminister gehen - der ist auch

zustaendig fuer religioese Angelegenheiten - und unsere Ziele erklaeren. Jeder kann eine Religionsgemeinschaft eintragen lassen, aber um dieselben Rechte wie die offizielle Staatskirche zu bekommen, brauchten wir die Erlaubnis des Ministeriums.

 

War es schwierig, diese Rechte durchzusetzen?

 

Ich kannte den Justizminister. Er war frueher Professor fuer Jura an unserer Universitaet in Reykjavik gewesen. Ich konnte auf alte Veroeffentlichungen von ihm hinweisen, in denen er einige die Religion betreffende Gesetze so interpretiert hatte, dass es mir leichtfiel, mich darauf zu berufen. Dass es legal war, was wir machten. So gelang es mir, ihn dazu zu bewegen unsere Religion anzuerkennen. Dann musste ich mir noch bei der Polizei ein Fuehrungszeugnis besorgen, und seitdem haben wir dieselben Rechte wie die Staatskirche.

 

Welche Rechte sind das?

 

Ich bekam zum Beispiel die offizielle Erlaubnis Ehen zu schliessen. In Island muss man nicht zum Standesamt gehen. Die Eheschliessung durch den Vorsitzenden unseres Vereins ist juristisch einwandfrei.

 

Wie viele Paare haben Sie schon getraut? Der Kanzler der deutschen Botschaft  erzaehlte mir, dass auch Anfragen aus Deutschland gekommen seien.

 

Etwa zehn Ehepaare.

Ich habe von einem Fall gehoert, in dem die jungen Leute Ihre Trauung

offensichtlich fuer einen Jux hielten. Die junge Dame soll recht wohlhabend gewesen sein und hat angeblich am naechsten Tag zu ihrem Entsetzen festgestellt, dass die Eheschliessung amtlich war. Sie soll daraufhin eine Annullierung verlangt haben, weil sie bei einer Scheidung die Haelfte ihres Vermoegens an den jungen Mann haette abgeben muessen. Die haben das nicht fuer einen Jux gehalten. Die Ehe ist vor dem Parlamentsgebaeude geschlossen und auch richtig eingetragen worden. Die haben gemerkt, dass sie nicht zueinander passten, und wollten die Ehe fuer ungueltig erklaeren lassen, um keine Scheidung zu beantragen. Aber sie sind damit nicht durchgekommen. Die Ehe ist gueltig und vollkommen legal. Sie muessen jetzt wie alle anderen auch die Scheidung einreichen.

 

Wie hat die islaendische Staatskirche auf ihre amtliche Anerkennung reagiert?

 

Waehrend der Prozedur hatte das Justizministerium den Bischof um eine Stellungnahme gebeten. Die fiel natuerlich negativ aus. Der Bischof begab sich auch offiziell ins Ministerium, um sich dagegen zu wehren. Doch das Ministerium hat die Stellungnahme des Bischofs nicht anerkannt. Der hat daraufhin einen langen Artikel in der Zeitung geschrieben. Aber die Oeffentlichkeit hat sehr positiv auf die Wiederbelebung unserer alten Religion reagiert. Im Parlament gab

es dann noch einen Antrag eines Abgeordneten der konservativen Partei, dass man unsere Religion verbieten solle. Es gab eine Debatte, aber er ist mit seinem Antrag nicht durchgekommen. Der Justizminister befuerwortete unsere Religion und stand persoenlich dahinter.

 

Gehoerte er zu Ihrer Bewegung?

 

Nein, aber hier in Island sind wir in der Religionsausuebung sehr tolerant, man hat viel Verstaendnis fuer uns. In Norwegen haben sie die Anerkennung auch versucht, aber da haben sie es nicht geschafft.

 

Wie viele Mitglieder hatten Sie im Mai 1973?

 

Vierzig.

 

Wie viele Mitglieder haben Sie heute (1986)?

 

Achtzig eingetragene Mitglieder. Aber eine viel groessere Anzahl von Gaesten kommt zu unseren Treffen, zu den blˇts. Das sind Freunde unseres Vereins, und die sind in der Mehrzahl, die nicht offiziell registriert sind. Blˇts sind unsere Feiern, das altnordische Wort fuer Opferfest. 

 

Wird heute noch geopfert? 

 

Wir wissen nicht genau, wie das frueher auf den Zusammenkuenften vor sich ging, aber wir opfern nichts mehr. Wenn wir uns treffen, wird die Zusammenkunft erst

einmal heiliggesprochen und gesegnet.

 

Gibt es dabei die Funktion des Hohenpriesters?

 

Das ist der Allsherjargˇ­i, derjenige Gode, der die hoechste Macht, oder besser: das hoechste Ansehen hat. Frueher hatte jeder Kreis seinen eigenen Goden. Einmal im Jahr trafen sie sich am Ůingplatz. Sie uebten sowohl eine politische als auch eine priesterliche Funktion aus. Mit der Christianisierung Islands wurde die religioese Funktion abgeschafft. Der Allsherjargˇ­i sprach das Ůing heilig und segnete es. So beginnen auch heute unsere Zusammenkuenfte. Dann werden die alten Sagen aus der Edda vorgelesen, und es wird auf die Goetter getrunken. 

 

Viel?

 

 

Symbolisch aus einem Horn. Wir bereiten einen Met zu, den wir trinken. Danach kann jeder aufstehen und sich aeussern, wenn er etwas zu sagen hat. Hier in Island werden auch viele Gedichte vorgetragen. Anschliessend feiert man zusammen, man isst, man trinkt.

 

Welche Goetter werden angebetet?

 

Hauptsaechlich Ůhorr. Er genoss unter den Asen das hoechste Ansehen. Er ist als Gottesidee auch einfacher als O­inn, volkstuemlicher. Er ist der Gott des Ackerbaus, er macht das Erdreich mit seinem Hammer fruchtbar, er ist stark, zuverlaessig und hilfsbereit.

 

Gibt es bei den Feiern einen Altar mit rituellen Werkzeugen? 

 

Wir haben das Horn aus dem wir trinken, und ein kleine Statue von Ůhorr. In Deutschland wird Ihre Religion als Odinismus bezeichnet. 

 

Welche Rolle spielt O­inn in Ihrem Glauben?

 

Jeder kann die Goetter anbeten, die er moechte. O­inn steht fuer Weisheit, die Imagination und die Suche nach groesseren Kenntnissen.

 

Er ist auch der Gott der Magier und Zauberer? 

 

Das ist ein Teil seines Wissens, ja, absolut! Man spricht und diskutiert mit den Goettern je nach ihren unterschiedlichen Funktionen. 

 

Aber der oberste Gott ist O­hinn, also maennlich.

 

Die Goettinnen spielen jedoch eine sehr grosse Rolle. Freyja, die Goettin der Fruchtbarkeit ist sehr wichtig. Sie ist die Gemahlin O­ins.

 

Ist sie ihm gleichberechtigt oder untergeordnet?

 

Gleichberechtigt. Da gibt s keinen Unterschied.

 

Welche Rolle spielen die Frauen im Asatr˙?

 

Bei den eingetragenen Mitgliedern haben wir achtzig Prozent Maenner und zwanzig Prozent Frauen. Das mag daran liegen, dass Frauen eher zoegern, auf das Amt zu gehen und sich bei einem Beamten eintragen zu lassen. Man muss ja auch vorher aus der Kirche austreten, und Frauen scheuen oft das Formale. Die Besucher, die bei den blˇts dazukommen, sind ueberwiegend Frauen. Gesellschaft in Island war

nie sehr patriarchalisch aufgebaut. Frauen hatten immer schon sehr viel staerkere Rechte und waren sehr viel mehr als gleichwertig anerkannt, als das auf dem Kontinent je der Fall war.

 

Was verstehen Sie unter "Hexen"?

 

Keine lebendigen Personen. Der Begriff steht fuer eine Kraft, eine magische Kraft.

 

Welche Art von Kraft?

 

Es spielt nicht die Hauptrolle, welche Kraft oder Macht das ist, sondern wie sie sich mit unserer eigenen Kraft mischt. Auf das Zusammenspiel kommt es an. Meine eigenen Energien werden durch die magischen Kraefte verstaerkt, bei allem, was ich tue. Diese Kraefte, die aus dem engen Kontakt mit der Natur entstehen, waren frueher in den Menschen vorhanden. Im Laufe der Zeit haben wir diese Faehigkeiten verloren und versucht, sie durch Pseudodinge wie staerkere Autos

und groessere Haeuser zu ersetzen. Jetzt werden wir uns wieder bewusst, dass diese Kraefte tief im Innern in uns ruhen, und wir wollen sie wieder hervorholen. Dies ist meine persoenliche Meinung. Aber die meisten Mitglieder unserer Religion gehen in diese Richtung. Alle, die sich ernsthaft damit beschaeftigen, sehen es so. Man muss offen vor der Moeglichkeit sein, dass wir mit unserem Geist weitergehen koennen. Wir haben die Faehigkeit, wieder Kontakt zu den Kraeften zu bekommen. Diese Faehigkeit muessen wir kultivieren, wir

duerfen sie nicht laenger missachten. Da die Wissenschaft nur das anerkennt, was man mit dem Kopf und dem Verstand macht, hat sie uns von diesen Faehigkeiten und Moeglichkeiten weggefuehrt. 

 

Auch wenn es - wie Sie sagen - nicht darauf ankommt, moechte ich gerne mehr ueber diese magischen Kraefte wissen. 

 

Es ist eine besondere Aufgabe unserer Religion, die Verbindung des Menschen zur Natur wiederherzustellen, zu allen Kraeften, die in der Natur sind, um sie verstehen zu koennen. Es fliesst ein Bach, es waechst ein Baum, der Mensch ist nur ein Teil dieses Prozesses. Er muss sich bewusst als einen Teil des Ablaufs der Naturkraefte empfinden. Die aelteren Leute, die ich als Kind kannte, das waren zwar Christen, aber sie uebertrieben es nicht gerade mit dem Christentum. Auf ganz normale Weise mischten sie Christentum mit ihrem Naturglauben. Sie hatten noch das Gespuer fuer Alfen und Wesen, die um sie waren. Es war eine so viel bessere Beziehung zwischen den Menschen und der Natur und den Menschen untereinander. 

 

Sie haben hier in Island aufgrund der abgelegenen Insellage und der politischen Abgeschiedenheit - erst 1944 wurde die unabhaengige Republik ausgerufen - eine besondere Situation. 

 

Ja, der technische Fortschritt brach ploetzlich ueber uns herein. Maschinen, Autos, Flugzeuge, moderne Schiffe, alles kam auf einmal, in einer Generation. Hier gab es keine stetige Entwicklung dahin wie in den anderen Laendern Europas. Nehmen Sie das Beispiel Segeln. Tausende von Jahren sind die Menschen gesegelt. Tausende von Jahren hat man gebraucht, um segeln zu lernen. Und ploetzlich

kommen in einem Menschenalter Dampfschiffe, Motorschiffe bis hin zum atombetriebenen U-Boot auf uns zu. Das war alles viel zu schnell und kam viel zu viel auf einmal. Das kann ein Generation kaum verkraften. Rein aeusserlich gewoehnt der Mensch sich erstaunlich schnell an neue Dinge, aber sein ganz normales, intuitives Verhaeltnis zur Natur hat er verloren. Statt dessen baut er sich so viel tote Umgebung. Der Mensch baut sich staendig Wuesten. 

 

Raecht sich die Natur, indem sie stirbt, weil der Mensch die Verbindung zu ihr verloren hat? Ist das Ihre Antwort darauf? 

 

Ja, ich kann mich gut erinnern, wie die aelteren Leute zu mir als Kind sagten: Lass den Baum stehen, das Moos an dem Stein, die Fliege am Fenster wird nicht getoetet. Die Natur war immer Teil unseres Lebens. Nachdem Technik und Wissenschaft ueber uns hereingebrochen sind, muessen wir warten, dass die Seele nachkommt. Die Menschheit kommt mir vor wie jemand, der aus Zwang tanzt. Frueher kannte ich Leute die mussten tanzen, sie konnten nicht wieder aufhoeren, bis sie erschoepft hinfielen oder gar tot umfielen. So ist heute die ganze Welt mit all ihren Kriegen. Die Welt tanzt sich zu Tode und kann nicht aufhoeren. Die Menschen ihrer Generation koennen sich noch an die anderen Zeiten erinnern.

 

Dadurch haben Sie es auch leichter in Ihrer Bewusstwerdung als wir auf dem Kontinent. 

 

Ja, aus unserer Kindheit kennen wir die Zeit vor dem technischen Fortschritt, der ja sehr spaet zu uns kam. Diese enge Verbindung zur alten Zeit, dieser enge Kontakt zur Natur und auch zu unserer kulturellen Vergangenheit haben geholfen den Boden fuer unseren Glauben zu bereiten. 

 

Wollen Sie die Zeit zurueckdrehen?

 

Nein, ich setze mich nicht mit meiner Gruppe dahin und sage, jetzt haben wir den Glauben von frueher, leben wir auch das Leben von frueher. Ich will die Zeit nicht tausend Jahre zurueckdrehen. Ich muss mein Leben an die heutige Zeit anpassen. Wir koennen und wollen die technische Entwicklung nicht abschaffen. 

 

Sie lehnen Autos oder das Fernsehen nicht ab? 

 

Nein, wir muessen lernen, damit umzugehen. Diese Dinge duerfen nicht die alte Ausgewogenheit der Menschen zerstoeren, die sie frueher hatten. Die Wissenschaft hat uns unser Gleichgewicht im Leben genommen. Wir fuehlen uns nicht mehr wohl. In meiner Jugend habe ich hier in Island dieses Gleichgewicht noch bei den Aelteren erlebt. Sie fuehrten ein einfaches Leben, versuchten niemandem weh zu tun, sie ruhten in sich. Menschen, die in sich ruhen, gibt es kaum noch. Das haben die schnellen technischen Entwicklungen zerstoert.

 

Sie versuchen mit Ihrer Religion die Menschen wieder zu dieser Ausgewogenheit zu fuehren?

 

Das ist eines unserer Hauptziele.

 

Welches sind die anderen?

 

Mit dieser Ausgewogenheit auch durch die neue Zeit gehen zu koennen, die Balance nicht zu verlieren. 

 

Glauben Sie, die Menschen mit Ihrer Religion zur Besinnung bringen zu koennen, so dass sie mit dem Tanz aufhoeren koennen? 

 

In unserer Religion sehe ich absolut eine Hoffnung. Wir sind da an einem wichtigen Punkt. Sie fragten zu Anfang, warum der alte Glaube jetzt erst wieder aus dem Verborgenen hervorkommt. Ich antwortete, es war die Angst vor der Macht der Kirche. Aber es ist noch etwas anderes: Es war auch die Angst vor der Wissenschaft, die Anfang dieses Jahrhunderts aufkam. Die Angst, sich laecherlich zu machen, wenn man zugab, dass man an Alfen und Kobolde glaubte, dass es Geister gibt, dass es spukt. 

 

Heute kann man es wieder zugeben? 

 

Heute stellt man die Wissenschaft wieder mehr in Frage. Man kann wieder zugeben, dass man etwas glaubt, was man nicht sieht. Diese uebergrosse Achtung vor dem technischen Fortschritt haben wir ueberwunden. Man sieht ja, wohin wir damit gekommen sind. Er hat uns nicht das gebracht, was wir uns vor fuenfzig Jahren erhofften. 

 

Wollen Sie eine andere Gesellschaft schaffen?

 

Keine Revolution. Die Wissenschaft hat uns auch Gutes gebracht wie die Medikamente, die Kenntnisse ueber Seuchen. Obwohl wir damit auch wieder die Hungersnoete in der Dritten Welt verstaerkt haben. Wir wollen auf unsere Seele warten, lernen, die Aggressionslust aus uns herauszutreiben, weniger zu verlangen, nicht meinen, alles haben zu wollen. Menschen koennen lernen, weniger aggressiv miteinander umzugehen, sondern aufeinander zuzugehen, sich gegenseitig

zu helfen. 

 

Warum glauben Sie, das mit Ihrer Religion eher erreichen zu koennen als das Christentum mit seinem "Liebe deinen Naechsten"?

 

Unsere Religion ist mehr mit der Natur, mit der natuerlichen Harmonie verbunden. Das Christentum wehrt sich doch sogar offiziell gegen diese Harmonie. Beispiel Hexenverbrennungen. Es erlaubt kein ungestoertes, normales Verhaeltnis zu den Dingen, die uns umgeben; statt dessen schreibt es uns eine direkte, starre Linie vor. Dagegen wehre ich mich.

 

Wie schaffe ich es, durch Ihre Religion zu dieser Harmonie zu finden?

 

 Aendert sich etwas im alltaeglichen Leben, wenn ich Ihre Religion praktisch lebe? Alles wird leichter. Man fuehlt sich wohler. Man nimmt es nicht so ernst, wenn etwas fehlt. Man lernt, Dinge hinzunehmen, auf sich zu nehmen und seine Kraft besser zu nutzen. Es ist nicht moeglich, jeden Tag in diesen Zustand zu kommen. Dazu braucht man Ruhe.

 

 

Fuehlt man nach den feiern besondere Kraefte in sich? 

 

Nicht nur bei den blˇts, den offiziellen Feiern, sondern allgemein durch das Zusammensein mit gleichgesinnten Leuten. Daraus kommt die Kraft. Man spuert die positive Wirkung des anderen, das verstaerkt sich gegenseitig. Das ist ein Zusammenstimmen wie bei Instrumenten, ein Einklang, eine Harmonie. Mir ist die Verbindung zueinander wichtig, zur Natur, zu Islands alter Geschichte und Sprache. Wir bemuehen uns, ein schoenes, gutes Islaendisch zu sprechen. Manchmal sagen wir im Scherz, wir muessen dieselbe schoene Sprache sprechen wie O­hinn.

 

Koennen Sie die gewonnenen Kraefte auf etwas Spezielles richten?

 

Vorsicht! Mit der Kraft, die ich bekomme, kann ich anderen helfen. Aber das meine ich allgemein, indem ich eine positive Wirkung ausstrahle, nicht im Sinne von spezifisch Heilen oder so etwas. Wir gehen nicht Richtung Spiritismus. Man muss da stark aufpassen, das darf nicht durcheinandergeworfen werden, dass es ein Brei oder eine Suppe wird.

 

Dinge hinnehmen wie sie sind, das hoert sich so nach Fatalismus an.

 

Ja, eine Art Fatalismus. Ich bin nicht in einem konstanten Kampf. Aber ich renne auch nicht vor den Problemen weg. 

 

Wenn Sie nicht gekaempft haetten, waere Ihre Religion nie offiziell anerkannt worden. 

 

Es ist schwer, welche Methode man waehlen soll. Die Leute muessen es aus sich selbst heraus begreifen, was los ist, wo wir stehen. Aber den Machthabern muss man es klarmachen. 

 

Tun Sie das? 

 

Ich aeussere mich in Zeitungen und anderen Veroeffentlichungen. Wenn das Bewusstsein jedes einzelnen da ist, kommen wir zu dem Punkt, dass wir auf die Machthaber einen gewissen Druck ausueben. Aber man muss aufpassen. Zu grosser Druck wirkt sich negativ aus.

 

 Was halten Sie von der neuen heidnischen Bewegung in Deutschland?

 

 Wenn sie den richtigen Weg gehen, ist es gut. Jeder hat doch heute vor Augen, dass es so nicht weitergehen kann, wie Umwelt und Natur zerstoert werden. Wir muessen jetzt stopp sagen und wieder einen staerkeren Kontakt zur Natur bekommen, uns als Teil der Natur erkennen. Aber die Leute muessen diese Weg ohne Extremismus gehen, ohne Aggressionen. 

 

Glauben Sie, dass Ihre neue - alte - Religion sich ausbreiten wird? 

 

Ich denke schon. Wir werden es mit Ruhe und Gelassenheit abwarten."